Straßengesichter

Ihre von faltiger Haut eingerahmten Augen sind manchmal erstaunlich klar, aber meistens verpasse ich es, weil ich mich nicht traue, genau hinzusehen. So war es zumindest früher oft. Ich wollte dem Leid nicht ins Auge blicken, weil es dann wie ein moralisches Verbrechen wäre, weiterzugehen, obwohl ich Bescheid weiß.

Inzwischen scheue ich sie nicht mehr, die Gesichter, die manchmal so viel über das Leben eines Menschen verraten. Ich schaue sie an, und finde schmerzhafte, aber auch erstaunliche Dinge darin. Wenn man will, kann man sie leicht überfliegen, aber eigentlich sind sie immer da und überall: Obdachlose.

In den letzten Tagen habe ich die unglaublich dekadenten, schönen, auch nicht so schönen, und vor allem riesigen Straßen von München ein kleines bisschen kennengelernt.

Ich liebe es, neue Orte allein zu entdecken, aber manchmal habe ich auch gerne Gesellschaft. Wenn man mit einer Person, die eine Stadt schon kennt, unterwegs ist, sieht man das spektakuläre Zusammenspiel von Gebäuden und Menschen immer durch den Filter des Anderen.

So war es auch diesmal, und auch deshalb fielen sie uns besonders auf: Die Menschen ohne Zuhause, mit ihren blauen Decken um den Schultern und einem schon benutzen Kaffeebecher mit roten Münzen zu ihren und meinen Füßen, manche in einer Haltung auf Knien auf jedes bisschen Restgeld harrend, manche in gebrochenem Deutsch etwas wie „Bitte“ murmelnd.

Nichts, was wir nicht schon alle gesehen hätten.

Nichts, was wir nicht schon alle wieder vergessen hätten.

Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber ich habe genug. Ich habe genug immer wieder etwas geben zu können und ich habe genug davon, in dem Zwiespalt aus schlechtem Gewissen weil ich es nicht tue, und dem Bedürfnis es nicht zu tun, weil es für wer weiß was ausgegeben werden könnte und sowieso nur ein Tropfen auf den heißen Stein ist, zu sitzen.

Ich hatte vor ein paar Jahren angefangen mit ihnen zu reden, den Menschen, die überall und nirgendwo (nicht) zuhause sind, und ihnen einen winzigen Bruchteil von dem zu besorgen, was sie brauchen: Windeln für das Kleinste, Brot für das Abendessen, Kaffee für die kalten Finger.

Wenn ich anfange, mit Menschen zu reden, bekommt die Person auf einmal Form und Farben. Sie ist nicht mehr nur eine Figur am Rand eines Sichtfelds. Ich verstehe dann, warum Menschen sind, wie sie sind, warum sie tun, was sie tun, und auf einmal gewinnen sie für mich an Bedeutung, wie ein Ausmalbild, dem jetzt durch bunte Farbminen Leben eingehaucht wurden.

Für meine Begleitung und mich in München war es fast natürlich kurz mit dem ersten Obdachlosen zu reden, der vor unserer Nase saß: „Romania, ce face“. Er hat mir nochmal kurz das Zählen in der anderen Sprache beigebracht und gelacht, weil er sich freute, uns seinen Namen sagen zu dürfen.

Nur ein paar gepflasterte Quadratmeter weiter saß eine Frau, und rückblickend weiß ich gar nicht so recht, was für Worte ich für ihre Beschreibung wählen soll. Ich weiß nur noch, dass sich unser Lächeln in ihren schönen grünen, aber wie mit Schlieren aus Sorge überlaufenen Augen spiegelte. Sie war wirklich hübsch, obwohl sie schon über 30 war, was auf der Straße oft bedeutet, dass sie noch nicht lange dort sind. Das Gesicht verhärmt mit der Zeit, und die Züge werden hart, weil in jeder einzelnen Falte die Resignation über das Schicksal wie festgewordener Beton sitzt. Der Schmerz dieser Frau dagegen war noch frisch. Die Umstände lachten uns dreckig ins Gesicht, als sie uns sagte, dass ihr Name Speranza sei. Hoffnung. Zerplatze Hoffnung. Verraten von der Welt. Niederschmetternde Realität.

Sie fragte uns nicht nach Geld, sie fragte uns nach Arbeit. Ihr Englisch war gut. Eine rumänische Mutter, die ihre drei Kinder in Bukarest zurückgelassen hatte, um dem Ruf einer Freundin zu folgen und in Deutschland, dem guten Land der tausend Möglichkeiten, Arbeit zu finden.

Als sie vor drei Wochen ankam, fand sie die Dinge anders vor, als sie es sich ausgemalt hatte, und auf einmal wurden alle bunten Farben ihres Bildes von der Zukunft grau wie der von tristen Wolken bedeckte Himmel über München.

Wir besuchten diese Frau am Tag danach wieder. Meine Freundin Lane hatte den ganzen Morgen damit zugebracht Speranza eine Karte mit Anlaufstationen für Obdachlose einzuzeichnen. Wir hatten uns gemeinsam überlegt ihr vorzuschlagen, dass sie das erbettelte Geld für ein Ticket zurück nach Rumänien zusammensparen, und wenigstens zurück zu ihren Kindern fahren könnte. Wir würden uns um den organisatorischen Ablauf kümmern.

„I want to help you, but I need to trust you“, sagte Lane, als wir uns mittags neben die Heimatlose setzten. Wir hätten keine Worte gebraucht, um die Rührung und die Dankbarkeit in Speranzas Blick zu deuten. Sie erzählte uns von ihren Kindern, ihrer schwierigen Mutter, dem bei einem Unfall verstorbenen Vater und dem Exmann. Keine allzu ungewöhnliche Geschichte. Fast schon zu gewöhnlich, um sensationsartig betroffen zu sein. Es war auch nicht so sehr die Geschichte, die mich packte, sondern die Persönlichkeit dieser Frau, in welche die Geschichte eingebettet war.

Ihre Sehnsucht nach einem besseren, von Armut gelösten Leben war so aufrichtig und rein, wie ihre Fingernägel schon seit Tagen nicht mehr. Und wenn man in solche sorgenvollen Augen einer Frau schaut, die nichts hat, außer das, was sie am Leib trägt, und welche dann aus Dankbarkeit für eine bloße Unterhaltung und dem Interesse an ihr ihre geschenkten Dinkelbiokekse mit dir teilen will, die vielleicht ihr Überleben sichern, dann kann man fast nichts anderes tun, als die Welt anzuschreien, Gott, irgendwen, den Himmel, für diese bodenlos ungerechte Verteilung von Armut auf der Welt.

Mir trieb es die Tränen in die Augen zu spüren, was diese Frau spürt, und mir treibt es die Tränen in die Augen während ich diese Worte schreibe. Weil es so wenig gibt, was ich tun kann. Und weil ich so schnell bereit bin, das Wenige was ich tun kann nicht zu tun.

Wenn man auf dem Boden sitzt, sind die einzigen Wesen, die einem auf Augenhöhe begegnen Hunde und Kinder. Wir ernteten nur befremdete Blicke von den Erwachsenen, die uns bei Speranza sitzen sahen. Und dann geschah auf einmal etwas Sonderbares, etwas, was uns wie ein Wunder erschien: Ein Mann, der es sehr eilig hatte, legte fast beschämt und im Vorbeigehen einen Geldbetrag in den alten Kaffeebecher, den die Frau in mehreren Tagen des Bettelns nicht erhalten hätte. Ich glaube, er wollte nicht, dass wir sein Gesicht sahen. Erst konnte es niemand von uns glauben. Dann begriffen wir.

Ich glaube, dass die Tatsache, dass wir als sozial anerkannte Menschen bei einer gesellschaftlich Ausgestoßenen saßen, eine Brücke zu denen gebaut hat, deren Blicke sonst auf einer ganz anderen Höhe umherschweifen. Die Geste des Wohltäters war so tief, fast respektvoll.  An diesem Geldschein haftete so viel Bedeutung, so viel, was ungesagt war und was wir doch verstanden. Ich sehe euch. Und es bewegt etwas in mir.

In diesem Mann hatte sich ein kleiner Funke geregt, eine schwach glimmende Glut, die mit ihren dunkelrot-orangenem Farbenspiel flüsterte, dass sie etwas beitragen wolle am guten Werk dieser Welt. Und diese Glut des Verstanden-Seins und des Gesehen-Werdens, wärmte unsere kalten Finger auf dem kalten Pflaster an einem grauen Mittwoch in München. Denn auf einmal war da wieder Hoffnung. Sie haftete an dem von der Bundesbank bedrucktem Papier, und brachte eine Botschaft mit sich:

Ein Schritt näher an Zuhause.

Wie ich mir selbst [und dir] im Weg stehe

Ich bin kein Morgenmensch. Wie zähes Gummi ziehen sich die Bewegungen in den ersten Stunden des Tages. Mein Blick ist starr auf die Dinge und durch die Menschen hindurch gerichtet. Am Morgen kommen meine schlimmsten Eigenschaften zum Vorschein und diese zu durchbrechen fällt mir extrem schwer. Ich ziehe mich zurück in meine eigene Innenwelt. Meine Gedanken lösen sich von meinem Körper und laufen mir davon. Ich flüchte mich in ein Buch oder in die Weiten der musikalischen Melancholie. Die Wirklichkeit versucht mich einzuholen aber sie erreicht mich nicht… nicht wirklich.
Sprich mich nicht an, ich will in diesen Momenten unerreichbar sein.
Aber um welchen Preis?

„Würde meine Produktivität nicht erst um 10 Uhr Abends ihren Höhepunkt erreichen könnte ich früher schlafen gehen und morgens auch mal wacher und lebendiger sein.“ – Ein Glaubenssatz, den ich übernehmen oder verwerfen kann.

Ich könnte die Dinge so laufen lassen, sie vor mir hinschieben und hinter mir herziehen. Ich könnte mich durch meine Gewohnheiten definieren lassen, sie zu meinem Charakter machen. Dann wäre ich die Nachteule, die Träumerin, die Introvertierte, die Unnahbare… ich würde mich selbst in Schubladen stecken und diesen wiederrum Stempel aufdrücken, nur um mein Verhalten zu rechtfertigen. Ich könnte mir ein Bild von mir selbst konstruieren, das mir gefällt und mich eventuell von der Masse absetzt.

Aber was ist wenn sich dieses Bild dann plötzlich verselbstständigt?
Und was ist wenn andere Menschen in mein Blickfeld treten?

Mein Ego würde erkennen, dass es nicht alleine existiert – und es wäre verwirrt.
Doch ich sehe genauer hin und ich erkenne, wie wir uns unterscheiden und ich sehe welche Gemeinsamkeiten uns verbinden.
Du bist nicht ich aber du zeigst mir eine vergangene Version meines Denkens.
Ich erkenne Hilflosigkeit, Unsicherheit und Angst davor,
dass das Innere nach außen dringen könnte –
das tut es schon –
wer hinsieht begreift.
Aber es ist gut so,
denn wir sind nicht allein
– wir sind fast ein halbes Dutzend
wenn ich mich aufraffen würde,
mich in deine Richtung bewegen…
Wenn ich mich dafür entscheide
dir Aufmerksamkeit, Liebe und Vergebung zu geben.
Ein tagtägliches Geschenk,
das mir selbst ermöglicht zu leben.

~ Anne

Einsamkeit ist nicht rational

Foto 04.10.18, 19 59 39Einsamkeit ist das schlimmste Gefühl der Welt. Einsamkeit ist nicht rational.

Man kann einsam sein, wenn man alleine um drei Uhr morgens in einem Hotelzimmer sitzt. Man kann einsam in der ersten eigenen Wohnung sein. Man kann einsam sein, wenn alle Freunde zu beschäftigt sind, um Zeit mit einem zu verbringen. Man kann aber auch auf einer Party umgeben von Menschen oder in der coolsten WG der Welt einsam sein.

Einsamkeit ist nicht das intensivste Gefühl der Welt. Es gibt viele Möglichkeiten sich von Einsamkeit abzulenken, man kann eins seiner Lieblingsbücher lesen, man kann rauchen, trinken oder eine Serie schauen, die man so in- und auswendig kennt, dass sie sich so vertraut wie zu Hause anfühlt. Aber selbst die beste Ablenkung der Welt hat nur eine begrenzte Wirkungsdauer.

Einsamkeit macht einen kaputt. Nicht indem sie einem weh tut. Nicht indem sie einen traurig macht, Traurigkeit vergeht. Einsamkeit projiziert ein falsches, verzerrtes Bild des sozialen Umfeldes. Indem sie suggeriert, dass man seinen Freunden und überhaupt der Welt egal ist, sorgt sie dafür, dass man sich selbst egal wird.

Einsamkeit ist das schlimmste Gefühl der Welt. Einsamkeit ist nicht rational.

Einsamkeit ist nicht entgültig.

Denn selbst die dunkelste und kälteste Nacht wird irgendwann, urplötzlich von den ersten Sonnenstrahlen durchbrochen. Was für ein Klischee. Aber der zutreffendste Vergleich der mir einfällt.

– Joe

 

I know should feel free, yet I continue to sing this sad refrain
I can’t sleep and food has lost its taste
God, I’m so sick of this place

Then I’m touched
By the hands of a brother
And like a rush
Passing through my exterior
I hear my name
A hush
A son, loved by a Father
I’ve been made alive again

– Being As An Ocean, „This Lonliness Won’t Be The Death Of Me“

Eiswürfel

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Das Eis schmilzt in der durchsichtigen Flüssigkeit. Sein Pullover riecht nach ihm und ich will darin versinken. Wie in einem Bett in das man sich nach einem zu langen Arbeitstag fallen lässt, zwischen die riesigen Kissen und direkt unter die Decke. Bald sind nur noch wenige Eiswürfel übrig.
Das Mädchen wirft die Hände in die Luft und ruft es laut heraus: „Heute sind wir jung und am leben und das soll ruhig jeder wissen“. Denn zu leben ist das einzige Vergehen, dass man sich fast leisten kann. Das Entschuldbarste von allen. Wer ist schon zurechnungsfähig im Eifer des Gefechts wenn so viel auf dem Spiel steht.
Manchmal will man auch nur ein Mädchen sein. Man will das Mädchen sein, dass alle anstarren wenn es den Raum betritt. An dem jeder Blick hinunter und hinauf fährt, wegen dem man fast unwillkürlich pfeift, warum, das ist die andere Frage. Manchmal möchte man einfach nur sehr schön anzusehen sein. Und eine Zierde für seinen Verstand bilden. Und manchmal auch eine Zierde für seinen Freund.
Ich bekenne das, schließlich ist es besser es zu sagen als so zu tun als wäre ich als Feministin kein Mädchen. Als wollte mein Frauenkörper nicht die Anerkennung seines Männerkörpers. Aber vor allem sehnt sich meine Gedankenwelt nach seinem betäubenden Geruch. Diese Mischung aus Liebe, Zuhause, Familie und „mit mir wirst du Abenteuer erleben“ ist was mich immer wieder groß träumen lässt.
Lass uns groß träumen.

 

Von oben

Wenn man ganz oben auf dem Berg steht kann man sie riechen, die Freiheit. Was hinter dir liegt wissen nur noch deine Füße, aber hier und jetzt sind deine Lungen voll von Einzigartigkeit. Eine der besten Erfahrungen an seeeeehr langen Wanderungen: Das Ende.
Süß, leicht und man fühlt sich als könnte man alles schaffen (bis man sich hinsetzt, dann schläft man direkt ein). Manchmal finde ich ist leben so ähnlich, ich hoffe das Ende eines Tages auch.
Cheers to the smile of the arriving.

Seiten

Jeder von uns träumt so unterschiedlich. Der Eine bekommt eine Gänsehaut beim Anpfiff, den Anderen begeistert nichts mehr als den Bass in den Knochen zu spüren. Sie legt Charakter und Kreativität in das Outfit, das sie wählt und ihre Schwester verliert alle Sorgen wenn sie die digitale Welt erobert. Ich fühle mich wohl wenn alte und neue Papierseiten durch meine Finger wandern. Manchmal sehe ich die Anderen und sehe nur das was ich nicht mit ihnen teile. Aber wenn ich die Augen richtig auf mache erkenne ich, dass wir alle als eine Familie gemacht sind. Eine Familie mit einem Vater und einer Leidenschaft die wir alle in uns tragen. Liebe.

 

FESTHALTEN UND LOSLASSEN

Manche Momente in unserem Leben sind einfach so voller Glück, wir können es kaum fassen. Und wir würden es gerne mit unseren ganzen Herzensmenschen teilen. Aber da ist gerade niemand da.
Dabei weiß doch jeder, dass mit Konfetti und Glitzer um sich zu werfen, die ganze Nacht im Sommerregen durchzutanzen, die Arme in die Luft zu schmeißen, laut zu jubeln und auf dem Bett bis unter die Decke zu springen, allein gar keinen richtigen Spaß macht.
So ist das halt. Menschen sind bei uns, gehen und kommen wieder. Manchmal sind sie da, wenn wir sie brauchen und manchmal sind sie eben nur am Telefon.
Und man beginnt sich zu fragen, ob man dieses Glück denn festhalten kann. Und wenn ja: wie? Nicht nur, damit es nicht verschwindet, sondern auch um es mit den wichtigen Menschen zu teilen, später irgendwann.
Und egal wie kitschig das auch klingen mag, am Ende bleibt klar: Glück verschwindet dann, wenn wir Angst haben, dass es geht und wir versuchen es festzuhalten. Wie weit weg Menschen auch sein mögen, einer bleibt und geht nicht!
Gods friendship graced my home -heißt eben immer noch, dass ER es gut meint und DAS BESTE hat. Ich muss mich gar nicht anstrengen irgendetwas festzuhalten. Ich darf mich entspannen, die Arme ausstrecken und empfangen. Und dabei wissen: Er hat DAS BESTE für mich.