Für Mama

Ich kann mir nur vage vorstellen wie es für eine Mutter sein muss, ihr Kind in die weite Welt zu entlassen, ohne genau zu wissen was es dort erwartet.

Mama, du kümmerst (und sorgst) dich um so vieles aber wirst du jemals alles verstehen? Oder ist das garnicht notwendig?

Ich danke dir für jeden flüchtigen Einblick, den ich von deiner reinen Liebe bekomme, jedes Mal wenn wir miteinander sprechen.

Ich weiß unsere Beziehung wird niemals nicht kompliziert sein – aber sie wird für immer die sicherste und beständigste aller Beziehungen sein, die ich jeh erfahren durfte.

Zu erkennen, dass du nicht Superwoman bist, war gleichzeitig die härteste und die befreiendste Lektion die ich in meinen Teenagerjahren lernen durfte. Keiner von uns ist perfekt. Alles dreht sich um diese Erkenntnis. Und ich werde für immer daran festhalten, dafür wie ich mich selbst sehe und für diese besondere Verbingung zwischen Mutter und Tochter. Mittlerweile kann ich dankbar sein, für jede Auseinandersetzung, die ich mit dir hatte (sowohl äußerlich als auch innerlich). Dadurch zu erkennen, dass wir uns zwar sehr ähnlich sehen aber doch unterschiedliche Menschen sind, lernte ich Vergebung, mich selbst zu lieben – und zu akzeptieren. Dich losgelöst von deiner Mutterrolle zu betrachten, als Frau, als Person zu sehen, lehrte mich die Bedeutung bedingungsloser Liebe und immer sein Bestes zu geben.

Diese Dinge brachtest du mir bei, vielleicht ohne es überhaupt zu wissen.

Mama, du kannst manchmal so umsichtig sein und in diesen Momenten will ich mehr so sein, wie du. Du kannst mich aber auch ganz schön unter Druck setzen und manchmal merke ich dann wie du das Beste aus mir herausholst, weil ich deine Meinung achte und dich stolz machen will.

Ich musste für mich lernen, mich von deinen Maßstäben zu distanzieren aber als dein Kind will ich mich niemals von deiner Liebe distanzieren.

Heute will ich der Welt zeigen, dass ich meine Mama liebe, weil sie schon so viel für mich getan hat. Unzählige Taten, unzählige Worte, von denen ich viele ablehnte, weil ich weder ihre Bedeutung, noch die liebevolle Intension dahinter sah. Aber letztendlich sehe ich, wie ich immer von ihrer Liebe getragen und beschützt wurde.

Danke Mama, dass du meine Trägheit erträgst und dich immer kümmerst, auch wenn ich manchmal wenig Einsatz zeige.

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~A

For my MUM

I can only imagine what it’s like for a mother to release her child into the world without ever knowing excactly what it may face there.

Mama, you care so much but will you ever fully understand?
Or is that even necessary?

I want to thank you for the glimpses I get when we talk in private, the fragments of your love are so pure.
Our relationship will never not be complicated – but it’ll stay the most secure and stable one I’ve known up to this point in my life.

To realize you aren’t Superwoman was at the same time the hardest and the most liberating thing I have learnt in my teenage years. None of us are perfect. And it’s all about the way we deal with that perception. I will keep this reminder forever, for the way I see myself and for this special bond between mother and daughter. Because of the fights I had with you (externally and internally) and by realizing we may look alike (like a lot) but we are different persons, I was able to learn forgiveness and self love and – acceptance. Also by seeing you apart from being a mother but also a woman, a person I learned the meaning of unconditional love and how to always give the most you can for others.
You taught me these things, maybe without even knowing you did.

Mum, you can be so thoughtful at times and in these times I want to be more like you. You also can put a lot of pressure on me, but that’s because I value your opinion and I want to make you proud.

As a person I felt the need of distancing myself from your standards but as your child I never want to distance myself from your love.

So I want to tell the world today how much I love my mother, for she did so much for me throughout my life. Countless things and countless words, many of which I rejected because I couldn’t grasp the importance of it and I failed to see the motive of love behind it all. But in the long run I see how much I was protected and carried by my mothers love.
Thank you mum for always pushing my lazy ass further and for caring so much even when I gave so little.

[Sorry for not being able to express my emotions in German. I will try to translate though… for my mum, because I couldn’t tell her today. And I think a lot of mothers (of others) should read this, too.]

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irrelevant?

Für S

Es ist so seltsam, dass einem so viele wertvolle Gedanken, Gesprächsfetzen, oder Worte entwischen. Durch das grobporige Sieb des Bewusstseins rutschen sie, so wie winzige Fische durch ein Fischernetz. Jedes Mal, wenn ich ein tiefberührendes Gespräch hatte, schreit alles in mir, das festzuhalten, was an Gutem dort herausgekommen ist, es niederzuschreiben und unvergesslich zu machen. Trotzdem muss ich mich zwingen, mich bei allem Input des Alltagstrubels hinzusetzen, und auszusprechen, was so viele noch nicht wissen, und was sie zerfrisst.

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Wir leben in einer Zeit, in der Unheil an jeder Ecke sitzt, wie ein Ungeheuer. Wahrscheinlich saß jedes von ihnen auch schon von Anbeginn der Zeiten da, aber heute sehen wir sie alle, auch wenn etwas hunderte Kilometer entfernt stattfindet. Man wird gezwungen teilzunehmen, an gesprengten Dörfern, an Leid von Familien, die nicht die eigene ist, die man vielleicht niemals treffen wird, aber die nun doch Berührungspunkte mit einem haben. Fiktives Leid und reales Leid. Man wird gezwungen abzustumpfen, denn so viel können wir gar nicht tragen. Da Leid überall ist, ist das eigene von geringerer Bedeutung, denn Bedeutungsintensität wird an Rarität gemessen. Es wird auf die Waage gelegt, Armut gegen Verfolgung, und das „leichtere“ scheidet aus, wird mit „irrelevant“ stigmatisiert. So lassen wir unsere Welt funktionieren, durch einen Wettkampf um das Schwerwiegendere.

Und dann komme ich. Inmitten von all dem Dunkel an leiddiktierten Biographien steht mein Leben. Das, einer 21-jährigen gesunden Deutschen, mit einer Familie, in der die Eltern sich lieben und genug Geld verdienen, um mehr als die eigene Familie zu finanzieren. Ich war nie ernsthaft krank, hatte immer mindestens eine sehr gute Freundin, der ich alles anvertrauen konnte, und wurde mein Leben lang in dem was ich bin und kann unterstützt. Ich kann mir jeden Tag mein Essen leisten, mehr als ich vertrage, und habe mehr materielle Dinge, die ich mein Eigen nennen darf, als ich auch nur ansatzweise nötig habe. Ich bin so unendlich dankbar dafür, aber trotzdem immer noch zu wenig. Natürlich passieren auch immer mal wieder unschöne Sachen, aber alles, was ich unverdient bekommen habe, sollte eigentlich mehr als genug Brennstoff für ein immerwährendes Feuer der Zufriedenheit und des glücklichen Seins liefern.

Wie, wie um Himmels Willen kann es sein, dass ich, die so viel Glück erfahren durfte und darf, manchmal tieftraurig bin? Traurigkeit ist doch das Monopol der Armen, der Verfolgten, derjenigen, deren Familiengeschichten vollkommen zerrüttet sind! Wie kann es sein, dass ich mich so oft allein fühle? Es ist unfair von mir, dass ich mich allein fühle, obwohl ich so viel(e) habe.

Und trotzdem kann ich nicht leugnen, was manchmal aus meinem Herzen quillt, wie dunkles Öl, das mit anmaßenden, hässlichen Flecken alles benetzt, was ich sonst noch sehe. Dass es Dinge gibt, die mehr als nur ein bisschen schlechte Laune machen, dass es Ereignisse gibt, über die ich mehr mal nur einmal weine, und die sich, auch wenn sie schon ad acta gelegt und überwunden sein sollten, immer wieder wie egoistische Wolken vor die Sonne der Gegenwart schieben.

Ich habe so lange gebraucht, um zu verstehen, dass Schmerz immer wehtut, egal, aus welcher Situation er geboren wird. Schmerz funktioniert nicht in Zahlen. Er funktioniert viel tiefer, und logisch ist er auch nicht immer.

Ich habe so lange gebraucht, um zu verstehen, dass man sich selbst ernst nehmen darf, denn nach wie vor ist diese Welt kaputt, und allein, wenn man in ihr lebt, wird ein Stück von einem immer mal wieder mit zerbrechen. Und dann ist das nicht nur in Ordnung, nicht nur geduldet, zu leiden. Dann ist das richtig und wichtig, und all das Leid außerhalb des eigenen Lebens vielleicht nicht nichtig, aber zumindest nicht fehlerpflichtig. Es gibt nichts, was wehtut und unberechtigt ist.

Ich will, dass du da Draußen das weißt. Du musst dir nicht in deinem Leid gefallen, und dich auch nicht darin suhlen. Aber du musst es auch nicht verstecken, nur weil es Einen gibt, den es noch viel schlimmer getroffen hat als dich.

„It`s okay not to be okay“ ist ein Slogan, den ich immer gehasst habe. Vielleicht weil er zu Schwäche ermutigt hat, weil ich ihn aufgefasst habe, als wäre es vollkommen akzeptabel, sich gehen zu lassen, sich nicht nach Heilung auszustrecken. Denn eine der größten Unwahrheiten ist, dass deine Gefühle bestimmen, wer du bist, als würden sie die Wege bahnen, in denen das Leben verläuft, und das stimmt nicht. Sie gestalten lediglich das Außenrum, die Pflanzen am Straßenrand, die Beschaffenheit des Bodens, den Zustand des Himmels über deinem Kopf.

Was viel mehr dein Leben bestimmt als Gefühle, sind die Entscheidungen, die du, oft auch mehr als nur einmal triffst. Manchmal bedeutet das eine Entscheidung gegen den Schmerz. Manchmal bedeutet das aber auch eine Entscheidung für den Schmerz.

13 Situationen an denen ich bisher gescheitert bin

 

— oder: Dinge, die ich mir einrede, um mich vor mir selbst zu rechtfertigen.

1. Lieblingskneipe. Bier. Jetzt eine drehen, gehört zur Gemütlichkeit.

2. Lecker Essen. Zur Verdauung jetzt einen Kaffee und dazu ’ne Kippe. Herrlich.

3. Kein Essen. Trotzdem Kaffee und Kippe. Ist immer geil.

4. Emotionen. Zu intensiv und sowieso viel zu viele davon.

5. Stress! Ich brauche diese Zigarette. JETZT! Oder ich muss jemanden töten.

6. Langeweiiiiiiiile.

7. Emotionen, Vol. 2: Selbsthass erträgt sich deutlich leichter mit Zigarette und Bier.

8. Angst. Ist auch ’ne Emotion. Ich meine aber die davor, jemand zu sein, der ich nicht sein will. Nämlich das Arschloch, in das sich der entspannte Dude so schnell verwandelt, wenn er sein Nikotin nicht bekommt.

9. Hilfe, ich kenne niemanden hier! (Siehe auch Punkt 5: Stress!)

10. Rauchen ist ein Teil meiner Persönlichkeit. Isso.

11. Angst. Ok, diese Emotion scheint stärker vertreten zu sein als andere. Diesmal: Die Angst zu scheitern.

12. Rauchen ist cool. Weiß jeder, der mal Pulp Fiction gesehen hat. Oder Philip Seymour Hoffman in Almost Famous. Oder in A Most Wanted Man. Man, der Typ war cool.

13. Alle meine Kollegen rauchen. Gruppenzwang hat keinen Einfluss auf mich. Lol.

Nie genug.

Immer wieder hat mich diese Welt im Griff. Immer wieder umkreist mich das Gift, das sich in meine Gedanken eingeschlichen hat. Immer wieder komme ich vom Weg ab.

Die Schwere liegt so häufig in der Luft und ich bin zu träge um ihr ausweichen zu können… glaube ich manchmal – viel zu oft.
Letztendlich gibt es jedoch immer wieder Momente, in und aus denen ich Kraft schöpfen kann: Wenn ich einer geliebten Person begegne, wenn mich ein Augenblick zum Lächeln bringt, wenn ich diesem Leben eine bestimmte Bedeutung zuspreche und zulasse eine Richtung einzunehmen, indem ich mich bewusst für die Liebe entscheide.

Für einen stand die Entscheidung schon lange vor meiner Entstehung fest: „Ich werde dich immer lieben.“
Anders als mir gelingt es ihm beständig zu sein in allem was er sagt und tut. Und ich weiß, dass er es sich morgen nicht anders überlegen wird, oder übermorgen – niemals. Er hält an seiner Liebe zu mir fest und nicht nur zu mir, sondern zu allen Menschen – ausnahmslos. Und hier gilt keineswegs der Spruch „die Ausnahme bestätigt die Regel“.

Aber wo ist es schon die Regel, dass alle Menschen geliebt werden?
Leben wir nicht in einer Regelgesellschaft, die in Schubladen denkt? Hängen wir nicht in Gruppenzwängen fest und versuchen mühsam gegen den Strom zu schwimmen?
Durch genau solche Fragen verheddere ich mich wieder und wieder.
Aber ich will mich nicht dem allgemeinen Pessimismus hingeben, der mir überall entgegenweht. Ich will kein Abnehmer sein für all die Negativität, die sich mir wie Steine in den Weg vor meinen Füßen legt. Ich will losziehen und die Hoffnung suchen. Denn ich habe sie schon gefunden und ich finde sie immer wieder. Und ich will auch ihr eine Chance geben, mich von ihr finden zu lassen. Denn sie kommt von ihm – dem Schöpfer und Erfinder der Liebe und der Hoffnung, die aus Liebe resultiert. Und er lässt sie wie Frühlingsblumen am Wegrand sprießen, bereit von mir bewundert zu werden, bereit sich von mir pflücken, mitnehmen und weitergeben zu lassen.

Und aus dieser liebevollen Hoffnung entsteht die Gnade, die ich allein durch meinen Verdienst niemals erlangen könnte. Durch sie habe ich die Kraft an jedem neuen Tag zu glauben, mein Bestes zu geben und mich durch den einen zur Umkehr zu bewegen. Immer wieder.
Denn von dir, HERR, kriege ich nie genug.

Straßengesichter

Ihre von faltiger Haut eingerahmten Augen sind manchmal erstaunlich klar, aber meistens verpasse ich es, weil ich mich nicht traue, genau hinzusehen. So war es zumindest früher oft. Ich wollte dem Leid nicht ins Auge blicken, weil es dann wie ein moralisches Verbrechen wäre, weiterzugehen, obwohl ich Bescheid weiß.

Inzwischen scheue ich sie nicht mehr, die Gesichter, die manchmal so viel über das Leben eines Menschen verraten. Ich schaue sie an, und finde schmerzhafte, aber auch erstaunliche Dinge darin. Wenn man will, kann man sie leicht überfliegen, aber eigentlich sind sie immer da und überall: Obdachlose.

In den letzten Tagen habe ich die unglaublich dekadenten, schönen, auch nicht so schönen, und vor allem riesigen Straßen von München ein kleines bisschen kennengelernt.

Ich liebe es, neue Orte allein zu entdecken, aber manchmal habe ich auch gerne Gesellschaft. Wenn man mit einer Person, die eine Stadt schon kennt, unterwegs ist, sieht man das spektakuläre Zusammenspiel von Gebäuden und Menschen immer durch den Filter des Anderen.

So war es auch diesmal, und auch deshalb fielen sie uns besonders auf: Die Menschen ohne Zuhause, mit ihren blauen Decken um den Schultern und einem schon benutzen Kaffeebecher mit roten Münzen zu ihren und meinen Füßen, manche in einer Haltung auf Knien auf jedes bisschen Restgeld harrend, manche in gebrochenem Deutsch etwas wie „Bitte“ murmelnd.

Nichts, was wir nicht schon alle gesehen hätten.

Nichts, was wir nicht schon alle wieder vergessen hätten.

Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber ich habe genug. Ich habe genug immer wieder etwas geben zu können und ich habe genug davon, in dem Zwiespalt aus schlechtem Gewissen weil ich es nicht tue, und dem Bedürfnis es nicht zu tun, weil es für wer weiß was ausgegeben werden könnte und sowieso nur ein Tropfen auf den heißen Stein ist, zu sitzen.

Ich hatte vor ein paar Jahren angefangen mit ihnen zu reden, den Menschen, die überall und nirgendwo (nicht) zuhause sind, und ihnen einen winzigen Bruchteil von dem zu besorgen, was sie brauchen: Windeln für das Kleinste, Brot für das Abendessen, Kaffee für die kalten Finger.

Wenn ich anfange, mit Menschen zu reden, bekommt die Person auf einmal Form und Farben. Sie ist nicht mehr nur eine Figur am Rand eines Sichtfelds. Ich verstehe dann, warum Menschen sind, wie sie sind, warum sie tun, was sie tun, und auf einmal gewinnen sie für mich an Bedeutung, wie ein Ausmalbild, dem jetzt durch bunte Farbminen Leben eingehaucht wurden.

Für meine Begleitung und mich in München war es fast natürlich kurz mit dem ersten Obdachlosen zu reden, der vor unserer Nase saß: „Romania, ce face“. Er hat mir nochmal kurz das Zählen in der anderen Sprache beigebracht und gelacht, weil er sich freute, uns seinen Namen sagen zu dürfen.

Nur ein paar gepflasterte Quadratmeter weiter saß eine Frau, und rückblickend weiß ich gar nicht so recht, was für Worte ich für ihre Beschreibung wählen soll. Ich weiß nur noch, dass sich unser Lächeln in ihren schönen grünen, aber wie mit Schlieren aus Sorge überlaufenen Augen spiegelte. Sie war wirklich hübsch, obwohl sie schon über 30 war, was auf der Straße oft bedeutet, dass sie noch nicht lange dort sind. Das Gesicht verhärmt mit der Zeit, und die Züge werden hart, weil in jeder einzelnen Falte die Resignation über das Schicksal wie festgewordener Beton sitzt. Der Schmerz dieser Frau dagegen war noch frisch. Die Umstände lachten uns dreckig ins Gesicht, als sie uns sagte, dass ihr Name Speranza sei. Hoffnung. Zerplatze Hoffnung. Verraten von der Welt. Niederschmetternde Realität.

Sie fragte uns nicht nach Geld, sie fragte uns nach Arbeit. Ihr Englisch war gut. Eine rumänische Mutter, die ihre drei Kinder in Bukarest zurückgelassen hatte, um dem Ruf einer Freundin zu folgen und in Deutschland, dem guten Land der tausend Möglichkeiten, Arbeit zu finden.

Als sie vor drei Wochen ankam, fand sie die Dinge anders vor, als sie es sich ausgemalt hatte, und auf einmal wurden alle bunten Farben ihres Bildes von der Zukunft grau wie der von tristen Wolken bedeckte Himmel über München.

Wir besuchten diese Frau am Tag danach wieder. Meine Freundin Lane hatte den ganzen Morgen damit zugebracht Speranza eine Karte mit Anlaufstationen für Obdachlose einzuzeichnen. Wir hatten uns gemeinsam überlegt ihr vorzuschlagen, dass sie das erbettelte Geld für ein Ticket zurück nach Rumänien zusammensparen, und wenigstens zurück zu ihren Kindern fahren könnte. Wir würden uns um den organisatorischen Ablauf kümmern.

„I want to help you, but I need to trust you“, sagte Lane, als wir uns mittags neben die Heimatlose setzten. Wir hätten keine Worte gebraucht, um die Rührung und die Dankbarkeit in Speranzas Blick zu deuten. Sie erzählte uns von ihren Kindern, ihrer schwierigen Mutter, dem bei einem Unfall verstorbenen Vater und dem Exmann. Keine allzu ungewöhnliche Geschichte. Fast schon zu gewöhnlich, um sensationsartig betroffen zu sein. Es war auch nicht so sehr die Geschichte, die mich packte, sondern die Persönlichkeit dieser Frau, in welche die Geschichte eingebettet war.

Ihre Sehnsucht nach einem besseren, von Armut gelösten Leben war so aufrichtig und rein, wie ihre Fingernägel schon seit Tagen nicht mehr. Und wenn man in solche sorgenvollen Augen einer Frau schaut, die nichts hat, außer das, was sie am Leib trägt, und welche dann aus Dankbarkeit für eine bloße Unterhaltung und dem Interesse an ihr ihre geschenkten Dinkelbiokekse mit dir teilen will, die vielleicht ihr Überleben sichern, dann kann man fast nichts anderes tun, als die Welt anzuschreien, Gott, irgendwen, den Himmel, für diese bodenlos ungerechte Verteilung von Armut auf der Welt.

Mir trieb es die Tränen in die Augen zu spüren, was diese Frau spürt, und mir treibt es die Tränen in die Augen während ich diese Worte schreibe. Weil es so wenig gibt, was ich tun kann. Und weil ich so schnell bereit bin, das Wenige was ich tun kann nicht zu tun.

Wenn man auf dem Boden sitzt, sind die einzigen Wesen, die einem auf Augenhöhe begegnen Hunde und Kinder. Wir ernteten nur befremdete Blicke von den Erwachsenen, die uns bei Speranza sitzen sahen. Und dann geschah auf einmal etwas Sonderbares, etwas, was uns wie ein Wunder erschien: Ein Mann, der es sehr eilig hatte, legte fast beschämt und im Vorbeigehen einen Geldbetrag in den alten Kaffeebecher, den die Frau in mehreren Tagen des Bettelns nicht erhalten hätte. Ich glaube, er wollte nicht, dass wir sein Gesicht sahen. Erst konnte es niemand von uns glauben. Dann begriffen wir.

Ich glaube, dass die Tatsache, dass wir als sozial anerkannte Menschen bei einer gesellschaftlich Ausgestoßenen saßen, eine Brücke zu denen gebaut hat, deren Blicke sonst auf einer ganz anderen Höhe umherschweifen. Die Geste des Wohltäters war so tief, fast respektvoll.  An diesem Geldschein haftete so viel Bedeutung, so viel, was ungesagt war und was wir doch verstanden. Ich sehe euch. Und es bewegt etwas in mir.

In diesem Mann hatte sich ein kleiner Funke geregt, eine schwach glimmende Glut, die mit ihren dunkelrot-orangenem Farbenspiel flüsterte, dass sie etwas beitragen wolle am guten Werk dieser Welt. Und diese Glut des Verstanden-Seins und des Gesehen-Werdens, wärmte unsere kalten Finger auf dem kalten Pflaster an einem grauen Mittwoch in München. Denn auf einmal war da wieder Hoffnung. Sie haftete an dem von der Bundesbank bedrucktem Papier, und brachte eine Botschaft mit sich:

Ein Schritt näher an Zuhause.

pinky promise

Für C und alle Anderen

 

Eifersucht is ne Bitch.

Sie saugt sich unbeobachtet fest wie schmutziges Pfützen Wasser im Rockzipfel, und kriecht verräterisch wie eine Schlange am Körper hoch, bis sie das Herz heiß zusammendrückt und die Gedanken kalt vernebelt. Eifersucht ist wie ein wildes Tier, das sich spitz in deinen Nacken krallt, doch als du es abschütteln willst, merkst du, dass es gar nicht auf dir drauf, sondern in dir drinsitzt, eingesperrt durch deine Körperwände. Ein Parasit, der sich von dem ernährt, was du selbst an dir magst, das was du kannst, das, was du denkst, dass du wert bist. Der bittere Atem, der aus seinem Mund kommt, ist ein beklemmendes, stummes Gefühl, das lähmend und vernichtend das flüstert, wovor alle immer Angst haben: „Du bist nicht genug. Du kommst zu kurz. Du bedeutest nicht so viel wie sie.“

Ich hasse Eifersucht, weil sie lodernd und ohne Gnade alles Gute in einer lebendigen Gedankenwelt verbrennt, und nur noch einen zugeschnürten Sack kalter grauer Asche hinterlässt. Kein Wunder, dass Menschen um sich schlagen. Kein Wunder, dass ich um mich schlage. Kein Wunder, dass alles grau wird.

Wenn du an einen neuen Ort ziehst, dann weißt du vorher noch nicht, dass du dort vielleicht eine Kombination aus den dir irgendwann liebsten Menschen der Welt finden wirst. Und wenn du dann mal da bist, dann kannst du es vielleicht immer wieder gar nicht fassen, dass ausgerechnet du das erleben darfst, diese Gruppe aus Leuten, die ungefragt bei dir an der Tür klingelt, die jeden Sonnenstrahl mit dir einfängt und dir erhält und die jeden Ort mit dir erkundet, ganz ohne Plan, sondern einfach weil man sich ins Auto gesetzt hat und mit lauter Musik und quietschenden Reifen losgefahren ist.

Was wir Menschen so oft vergessen ist, dass nicht nur die Sonnenstrahlen, sondern auch die Regenwolken eingefangen werden müssen. Spätestens, wenn sich die seichten Schwaden eines dummen Gedankens, eines winzig piksenden Stachels der Verletzung zu Haufen des Unausgesprochenen über uns zusammenballen, ist es Zeit, ihnen das Gewicht und die Dunkelheit zu nehmen.

Lass uns mal reden. Viele Tränen müsste es nicht regnen, wenn wir mehr reden würden, und viele Pfützen würden sich nicht in unserem Rockzipfel festsaugen, wenn wir mehr aussprechen würden, was uns belastet. Denn durch die dunkeln Wolken über uns seh ich nicht so gut, ich seh nicht richtig wer du bist, und das dunkle verzerrte Bild, das ich von dir habe, bleibt, während ich versuche immer mehr Abstand zwischen dich und mich zu bringen, weil ich auf einmal Angst habe, dass du mich bestiehlst.  Mir meinen Wert klaust, das was mir heilig ist nimmst, und damit abhaust, und voller Bitterkeit schaue ich zu dir rüber, kann nicht weggehn, am liebsten will ich wegsehn, doch der faulige Atem des Tieres in mir fixiert meinen sengenden Blick und zwingt mich, mich zu dir zu drehn.

Ich will weniger Eifersuchtsgewitter in meinem Leben, in meiner Stadt, in dieser Welt. Ich wünsche mir so sehr, dass wir die Wolken zwingen sich zu entladen, bevor die Blitze aus unseren Augen zucken, und dann ist es okay, dass es auch mal dunkel wird über unserer Freundschaft. Wir kennen uns ja inzwischen auch schon etwas länger und es ist inzwischen viel passiert und einiges haben wir auch kaputt gemacht, weil wir uns mit der Zeit zusammen bewegen und als menschliche unperfekte Wesen aufeinander drauftreten.

Lass uns bitte nur nie aufhören darüber zu reden, denn jedes ungesagte Wort ist ein Stück Strecke, das wir weiter auseinander gehn. Aber wenn wir ganz nah zusammenstehen, dann seh ich immer noch die Sommersprossen in deinem Gesicht und das Mohnkorn, das noch vom Frühstück zwischen deinen Zähnen hängt, und dann bist du nichts Schlimmeres, als eine Freundin, die sehr gesegnet ist, und ich auch, denn ich darf ja neben dir stehen.

Kleiner Fingerschwur: Lass uns weniger eifersüchtig sein und mehr zusammenhalten.