Straßengesichter

Ihre von faltiger Haut eingerahmten Augen sind manchmal erstaunlich klar, aber meistens verpasse ich es, weil ich mich nicht traue, genau hinzusehen. So war es zumindest früher oft. Ich wollte dem Leid nicht ins Auge blicken, weil es dann wie ein moralisches Verbrechen wäre, weiterzugehen, obwohl ich Bescheid weiß.

Inzwischen scheue ich sie nicht mehr, die Gesichter, die manchmal so viel über das Leben eines Menschen verraten. Ich schaue sie an, und finde schmerzhafte, aber auch erstaunliche Dinge darin. Wenn man will, kann man sie leicht überfliegen, aber eigentlich sind sie immer da und überall: Obdachlose.

In den letzten Tagen habe ich die unglaublich dekadenten, schönen, auch nicht so schönen, und vor allem riesigen Straßen von München ein kleines bisschen kennengelernt.

Ich liebe es, neue Orte allein zu entdecken, aber manchmal habe ich auch gerne Gesellschaft. Wenn man mit einer Person, die eine Stadt schon kennt, unterwegs ist, sieht man das spektakuläre Zusammenspiel von Gebäuden und Menschen immer durch den Filter des Anderen.

So war es auch diesmal, und auch deshalb fielen sie uns besonders auf: Die Menschen ohne Zuhause, mit ihren blauen Decken um den Schultern und einem schon benutzen Kaffeebecher mit roten Münzen zu ihren und meinen Füßen, manche in einer Haltung auf Knien auf jedes bisschen Restgeld harrend, manche in gebrochenem Deutsch etwas wie „Bitte“ murmelnd.

Nichts, was wir nicht schon alle gesehen hätten.

Nichts, was wir nicht schon alle wieder vergessen hätten.

Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber ich habe genug. Ich habe genug immer wieder etwas geben zu können und ich habe genug davon, in dem Zwiespalt aus schlechtem Gewissen weil ich es nicht tue, und dem Bedürfnis es nicht zu tun, weil es für wer weiß was ausgegeben werden könnte und sowieso nur ein Tropfen auf den heißen Stein ist, zu sitzen.

Ich hatte vor ein paar Jahren angefangen mit ihnen zu reden, den Menschen, die überall und nirgendwo (nicht) zuhause sind, und ihnen einen winzigen Bruchteil von dem zu besorgen, was sie brauchen: Windeln für das Kleinste, Brot für das Abendessen, Kaffee für die kalten Finger.

Wenn ich anfange, mit Menschen zu reden, bekommt die Person auf einmal Form und Farben. Sie ist nicht mehr nur eine Figur am Rand eines Sichtfelds. Ich verstehe dann, warum Menschen sind, wie sie sind, warum sie tun, was sie tun, und auf einmal gewinnen sie für mich an Bedeutung, wie ein Ausmalbild, dem jetzt durch bunte Farbminen Leben eingehaucht wurden.

Für meine Begleitung und mich in München war es fast natürlich kurz mit dem ersten Obdachlosen zu reden, der vor unserer Nase saß: „Romania, ce face“. Er hat mir nochmal kurz das Zählen in der anderen Sprache beigebracht und gelacht, weil er sich freute, uns seinen Namen sagen zu dürfen.

Nur ein paar gepflasterte Quadratmeter weiter saß eine Frau, und rückblickend weiß ich gar nicht so recht, was für Worte ich für ihre Beschreibung wählen soll. Ich weiß nur noch, dass sich unser Lächeln in ihren schönen grünen, aber wie mit Schlieren aus Sorge überlaufenen Augen spiegelte. Sie war wirklich hübsch, obwohl sie schon über 30 war, was auf der Straße oft bedeutet, dass sie noch nicht lange dort sind. Das Gesicht verhärmt mit der Zeit, und die Züge werden hart, weil in jeder einzelnen Falte die Resignation über das Schicksal wie festgewordener Beton sitzt. Der Schmerz dieser Frau dagegen war noch frisch. Die Umstände lachten uns dreckig ins Gesicht, als sie uns sagte, dass ihr Name Speranza sei. Hoffnung. Zerplatze Hoffnung. Verraten von der Welt. Niederschmetternde Realität.

Sie fragte uns nicht nach Geld, sie fragte uns nach Arbeit. Ihr Englisch war gut. Eine rumänische Mutter, die ihre drei Kinder in Bukarest zurückgelassen hatte, um dem Ruf einer Freundin zu folgen und in Deutschland, dem guten Land der tausend Möglichkeiten, Arbeit zu finden.

Als sie vor drei Wochen ankam, fand sie die Dinge anders vor, als sie es sich ausgemalt hatte, und auf einmal wurden alle bunten Farben ihres Bildes von der Zukunft grau wie der von tristen Wolken bedeckte Himmel über München.

Wir besuchten diese Frau am Tag danach wieder. Meine Freundin Lane hatte den ganzen Morgen damit zugebracht Speranza eine Karte mit Anlaufstationen für Obdachlose einzuzeichnen. Wir hatten uns gemeinsam überlegt ihr vorzuschlagen, dass sie das erbettelte Geld für ein Ticket zurück nach Rumänien zusammensparen, und wenigstens zurück zu ihren Kindern fahren könnte. Wir würden uns um den organisatorischen Ablauf kümmern.

„I want to help you, but I need to trust you“, sagte Lane, als wir uns mittags neben die Heimatlose setzten. Wir hätten keine Worte gebraucht, um die Rührung und die Dankbarkeit in Speranzas Blick zu deuten. Sie erzählte uns von ihren Kindern, ihrer schwierigen Mutter, dem bei einem Unfall verstorbenen Vater und dem Exmann. Keine allzu ungewöhnliche Geschichte. Fast schon zu gewöhnlich, um sensationsartig betroffen zu sein. Es war auch nicht so sehr die Geschichte, die mich packte, sondern die Persönlichkeit dieser Frau, in welche die Geschichte eingebettet war.

Ihre Sehnsucht nach einem besseren, von Armut gelösten Leben war so aufrichtig und rein, wie ihre Fingernägel schon seit Tagen nicht mehr. Und wenn man in solche sorgenvollen Augen einer Frau schaut, die nichts hat, außer das, was sie am Leib trägt, und welche dann aus Dankbarkeit für eine bloße Unterhaltung und dem Interesse an ihr ihre geschenkten Dinkelbiokekse mit dir teilen will, die vielleicht ihr Überleben sichern, dann kann man fast nichts anderes tun, als die Welt anzuschreien, Gott, irgendwen, den Himmel, für diese bodenlos ungerechte Verteilung von Armut auf der Welt.

Mir trieb es die Tränen in die Augen zu spüren, was diese Frau spürt, und mir treibt es die Tränen in die Augen während ich diese Worte schreibe. Weil es so wenig gibt, was ich tun kann. Und weil ich so schnell bereit bin, das Wenige was ich tun kann nicht zu tun.

Wenn man auf dem Boden sitzt, sind die einzigen Wesen, die einem auf Augenhöhe begegnen Hunde und Kinder. Wir ernteten nur befremdete Blicke von den Erwachsenen, die uns bei Speranza sitzen sahen. Und dann geschah auf einmal etwas Sonderbares, etwas, was uns wie ein Wunder erschien: Ein Mann, der es sehr eilig hatte, legte fast beschämt und im Vorbeigehen einen Geldbetrag in den alten Kaffeebecher, den die Frau in mehreren Tagen des Bettelns nicht erhalten hätte. Ich glaube, er wollte nicht, dass wir sein Gesicht sahen. Erst konnte es niemand von uns glauben. Dann begriffen wir.

Ich glaube, dass die Tatsache, dass wir als sozial anerkannte Menschen bei einer gesellschaftlich Ausgestoßenen saßen, eine Brücke zu denen gebaut hat, deren Blicke sonst auf einer ganz anderen Höhe umherschweifen. Die Geste des Wohltäters war so tief, fast respektvoll.  An diesem Geldschein haftete so viel Bedeutung, so viel, was ungesagt war und was wir doch verstanden. Ich sehe euch. Und es bewegt etwas in mir.

In diesem Mann hatte sich ein kleiner Funke geregt, eine schwach glimmende Glut, die mit ihren dunkelrot-orangenem Farbenspiel flüsterte, dass sie etwas beitragen wolle am guten Werk dieser Welt. Und diese Glut des Verstanden-Seins und des Gesehen-Werdens, wärmte unsere kalten Finger auf dem kalten Pflaster an einem grauen Mittwoch in München. Denn auf einmal war da wieder Hoffnung. Sie haftete an dem von der Bundesbank bedrucktem Papier, und brachte eine Botschaft mit sich:

Ein Schritt näher an Zuhause.

pinky promise

Für C und alle Anderen

 

Eifersucht is ne Bitch.

Sie saugt sich unbeobachtet fest wie schmutziges Pfützen Wasser im Rockzipfel, und kriecht verräterisch wie eine Schlange am Körper hoch, bis sie das Herz heiß zusammendrückt und die Gedanken kalt vernebelt. Eifersucht ist wie ein wildes Tier, das sich spitz in deinen Nacken krallt, doch als du es abschütteln willst, merkst du, dass es gar nicht auf dir drauf, sondern in dir drinsitzt, eingesperrt durch deine Körperwände. Ein Parasit, der sich von dem ernährt, was du selbst an dir magst, das was du kannst, das, was du denkst, dass du wert bist. Der bittere Atem, der aus seinem Mund kommt, ist ein beklemmendes, stummes Gefühl, das lähmend und vernichtend das flüstert, wovor alle immer Angst haben: „Du bist nicht genug. Du kommst zu kurz. Du bedeutest nicht so viel wie sie.“

Ich hasse Eifersucht, weil sie lodernd und ohne Gnade alles Gute in einer lebendigen Gedankenwelt verbrennt, und nur noch einen zugeschnürten Sack kalter grauer Asche hinterlässt. Kein Wunder, dass Menschen um sich schlagen. Kein Wunder, dass ich um mich schlage. Kein Wunder, dass alles grau wird.

Wenn du an einen neuen Ort ziehst, dann weißt du vorher noch nicht, dass du dort vielleicht eine Kombination aus den dir irgendwann liebsten Menschen der Welt finden wirst. Und wenn du dann mal da bist, dann kannst du es vielleicht immer wieder gar nicht fassen, dass ausgerechnet du das erleben darfst, diese Gruppe aus Leuten, die ungefragt bei dir an der Tür klingelt, die jeden Sonnenstrahl mit dir einfängt und dir erhält und die jeden Ort mit dir erkundet, ganz ohne Plan, sondern einfach weil man sich ins Auto gesetzt hat und mit lauter Musik und quietschenden Reifen losgefahren ist.

Was wir Menschen so oft vergessen ist, dass nicht nur die Sonnenstrahlen, sondern auch die Regenwolken eingefangen werden müssen. Spätestens, wenn sich die seichten Schwaden eines dummen Gedankens, eines winzig piksenden Stachels der Verletzung zu Haufen des Unausgesprochenen über uns zusammenballen, ist es Zeit, ihnen das Gewicht und die Dunkelheit zu nehmen.

Lass uns mal reden. Viele Tränen müsste es nicht regnen, wenn wir mehr reden würden, und viele Pfützen würden sich nicht in unserem Rockzipfel festsaugen, wenn wir mehr aussprechen würden, was uns belastet. Denn durch die dunkeln Wolken über uns seh ich nicht so gut, ich seh nicht richtig wer du bist, und das dunkle verzerrte Bild, das ich von dir habe, bleibt, während ich versuche immer mehr Abstand zwischen dich und mich zu bringen, weil ich auf einmal Angst habe, dass du mich bestiehlst.  Mir meinen Wert klaust, das was mir heilig ist nimmst, und damit abhaust, und voller Bitterkeit schaue ich zu dir rüber, kann nicht weggehn, am liebsten will ich wegsehn, doch der faulige Atem des Tieres in mir fixiert meinen sengenden Blick und zwingt mich, mich zu dir zu drehn.

Ich will weniger Eifersuchtsgewitter in meinem Leben, in meiner Stadt, in dieser Welt. Ich wünsche mir so sehr, dass wir die Wolken zwingen sich zu entladen, bevor die Blitze aus unseren Augen zucken, und dann ist es okay, dass es auch mal dunkel wird über unserer Freundschaft. Wir kennen uns ja inzwischen auch schon etwas länger und es ist inzwischen viel passiert und einiges haben wir auch kaputt gemacht, weil wir uns mit der Zeit zusammen bewegen und als menschliche unperfekte Wesen aufeinander drauftreten.

Lass uns bitte nur nie aufhören darüber zu reden, denn jedes ungesagte Wort ist ein Stück Strecke, das wir weiter auseinander gehn. Aber wenn wir ganz nah zusammenstehen, dann seh ich immer noch die Sommersprossen in deinem Gesicht und das Mohnkorn, das noch vom Frühstück zwischen deinen Zähnen hängt, und dann bist du nichts Schlimmeres, als eine Freundin, die sehr gesegnet ist, und ich auch, denn ich darf ja neben dir stehen.

Kleiner Fingerschwur: Lass uns weniger eifersüchtig sein und mehr zusammenhalten.

Dieser Weg

IMG_3886Versinke in Meeren aus Buchstaben und such nach einem, an den ich mich klammern kann. Jedes Wort bringt mich dorthin zurück wo alles begann, weil es in genau jener Zeit entsprang, in der die Tagesmelodie von hier aus betrachtet noch leichter und unbeschwerter klang.

Was ich im Hier und Jetzt habe, ist unglaublich viel, aber ein bisschen fehlt mir das mich begeisternde Ziel. Wohin soll ich gehen, in welchem Winkel der nächste Schritt, was ist die nächste Vorstellung vom Leben die mein Fuß der Vernunft folgend zertritt, wen von allen nehm ich auf meinem weiteren Lebensweg mit?

Ich werde niemals auch nur irgendwohin laufen können, ohne mich gleichzeitig näher zum Einen und weiter vom Anderen wegzubewegen, und manchmal ist der Ort, an dem ich mich dann wieder finde wie trockener Regen, vollkommen absurd, unpassend und rein gar nicht wie in meiner naiven Erwartung ausgemalt und verlegen versuch ich, es hier ein bisschen wie gewollt aussehen zu lassen, mich unauffällig an einen passenden Platz im verstreichenden Moment zu bewegen, stoße aber immer irgendwo dagegen.

Manchmal gibt es diese Lebensmomente, da passt einfach alles, wie zwei unterschiedliche Takte, die für einen Wimpernschlag im selben Rhythmus schlagen, aber im nächsten wieder aneinander vorbei. Irgendetwas eckt immer an, auch wenn es nur die Gewissheit ist, dass man diesen einen perfektionsgeladenen rhythmischen Wimpernschlag nicht festhalten kann. 

Mein „Für immer“ ist nicht hier auf dieser Erde, nicht hier in diesem Leben, nicht hier in diesem Moment. Was bleibt mir anderes übrig, als die verkrampften Fäuste zu öffnen und ziehen zu lassen, was sowieso niemals dafür gemacht worden ist, für immer zu bleiben?

 

Surely your goodness and love will follow me all the days of my life, and I will dwell in the house of the LORD forever.

Spiegelungensaga

Man kann kaum durch die Welt gehen, ohne dass man gespiegelt wird. Mein Gesicht und mein Körper im silbernen Glas, meine Bewegungen in Schaufensterscheiben, mein Verhalten durch das der Menschen, die um mich herum sind.

Es ist unmöglich mich nicht selbst zu sehen, neben den Anderen. Ein Spiegelbild, so neutral und doch so unglaublich machtvoll. Alles zeigend: Was ich sein will, und was ich nicht sein will, aber trotzdem bin. Neben mir: Wer oder was ich gerne sein würde.

Wir leben in einer Spiegelgesellschaft, immer auf der Suche nach dem schöneren Spiegelbild, weil das, was wir sehen, immer wieder viel zu viel Konkurrenz hat. Als ob die Konkurrenz weniger werden würde. Je mehr Raum ich ihr gebe, desto mehr Fläche nimmt sie ein. Und irgendwann werde ich blind, geblendet, von dem, was ich vielleicht sehen könnte, wenn ich eine bessere Version meiner selbst wäre. Ich versuche mehr und härter, will hoch hinaus, bis ich auf der spiegelglatten Oberfläche ausrutsche.  Die Scheibe splittert, und bohrt sich in meinen Rücken, dort, wo ich mir keinen Schutzpanzer zugelegt habe. Dort, wo ich selten hinsehe. 

Vielleicht suchst du verzweifelt nach der Zufriedenheit in deinen Spiegelungen. Betrachtest jedes winzige Detail mit der Lupe. Und findest nur Sehnsucht danach, zu genügen.

Spiegel ab und an zu gebrauchen ist weise. Wenn die Spiegel aber dich gebrauchen, wirst du zum gehetzten Objekt im eigenen Spiegelkabinett. Herumirrend, gleichzeitig auf der Flucht vor dir selbst, aber trotzdem bist du alles, was du als Ziel vor Augen haben könntest.

Ich glaube, das wahre Ziel ist hinter dem Spiegel. Nur wenn wir unseren Blick von uns selbst nehmen, und ihn auf das richten was vor uns liegt, was jetzt gerade um uns herum liegt und auf das, was über uns liegt, finden wir mehr Ruhe.

 

Denn ich weiß,

groß wie das Firmament

ist da die Hand des Gottes,

der mich durch und durch kennt

der Schönheit vollkommen neu benennt,

und all meinen Minderwert und meine Schuld

mit seiner Liebe verbrennt.

 

so grab a stone my friend

for the power of the mirrors shall end.

 

Jazz

 

Wie lange willst du oben bleiben?

Eine Wortansammlung für all die, die sich in einem sich rasant drehenden erste Welt-Land von Lebensaufgaben erschlagen fühlen und sich fragen, wie zum Henker das mit dem Gleichgewicht halten funktioniert.

Man sollte als unbeteiligte Person nicht auf einen Spielplatz gehen, sich umschauen, und erwarten, dass man nicht als seltsam abgestempelt wird.
Wenn man es aber tatsächlich mal tut, stellt man fest, dass da kleine Menschen sind, die auf irrwitzig kleinen Füßen im Pinguinschritt hin-und herwackelnd herumrennen, und alles vergessen, was sich ausserhalb des Spielplatzzauns befindet.
Innerhalb des Zauns erleben sie das Abenteuer ihres Lebens.
Niemand fragt sich, ob diese Kinder Berechtigung haben zu spielen, oder ob es sinnvoll ist, was sie tun, denn das ist gar nicht erst der Maßstab mit dem sie gemessen werden. Dieser Maßstab wird dir erst die Hand gedrückt, wenn du anfängst im Staffellauf des Erwachsenseins mitzurennen.

Auf einer Wippe sitzen sich spielerische Unbeschwertheit und sinnvolle Anstrengung gegenüber.
„WIELANGEWILLSTDUOBENBLEIBENNN??“, schreit die Anstrengung und wiegt mit jeder verstreichenden Sekunde schwerer und schwerer, bis ihre Seite der Wippe am Boden angekommen ist.
Plötzlich habe ich kleine Schuhe an und viel zu kleine Füße, ich schwanke von links nach rechts und laufe wie ein Pinguin. Alles ist so groß und da oben, am anderen Ende der Wippe, sehe ich die leuchtende Unbeschwertheit.
Ohne zu fragen, ob ich sie erreichen kann, weiß ich, dass ich sie erreichen will.
Ich fange an zu klettern, aber meine Arme sind zu schwach und meine Hände zu klein, und ich habe eine dicke, gefütterte Jacke an, in der ich mich kaum bewegen kann und meine Nase läuft.
Außerdem ist die sinnvolle Anstrengung zu dick und ich rutsche ihr, während ich das glatte Holz der Wippe hochklettere, immer wieder in die Arme. Mir ist warm, zu warm, und ich bin so eingeengt, dass ich sauer werde.
Immer mehr Wesen setzen sich an das untere Ende der Wippe hinter, auf, und vor die Anstrengung, wie der übergewichtige Zwölfjährige, der mit fettigen Haaren und ungewaschener Jogginghose, gemein grinsend viel zu groß in jeder Hinsicht ist, um auf dem Spielplatz rumzuhängen. Den Geruch, den er mit sich trägt, kenne ich: Es sind Dinge die erledigt werden müssen, weil sonst eine Schraube aus meinem Lebensgerüst fällt, Aufgaben die sonst niemand übernimmt, Menschen die sonst einsam sind.

Es regnet. Regen macht sauber. Tränen auch, deswegen fühlt man sich immer seltsam befreit, wenn man geweint hat, weil dadurch verkrustete Frustration und Traurigkeit weggespült wird. Aber mein Frustrationskamin lodert, und kein Tränenschwall ist nass genug, ihn zu löschen.
Ich rufe verzweifelt suchend nach Papa, der die fette Anstrengung von der Wippe schubsen soll, denn er ist stark und groß und hat mich lieb, das ist seine Aufgabe, das ist meine Wippe.
Ich rufe suchend nach Irgendjemandem, der etwas anderes wegnimmt, der Aufgaben übernimmt, für die sonst niemand Platz hatte und die deshalb zu mir gekommen sind, ich hab nämlich Angst sie wegzuschubsen, weil meine Hände zu klein sind, und meine Füße auch.
Und überhaupt ist es vielleicht meine Aufgabe, Aufgaben zu haben, wenn niemand Anderes sie tut, oder sie an sich nimmt. Papa zum Beispiel, oder die Anderen.
Wer sagt denn, dass Anstrengung schlecht ist, vielleicht muss es einfach schwer sein und regnen, und man rutscht immer wieder nach unten, weil man jetzt gerade einfach auch mal da hingehört, wo Dinge schwer sind, wo man doch sonst so viel hat – einen ganzen Spielplatz voller Talente und Sachen und den Segensregen noch dazu!

Der Spielplatz ist plötzlich weg, aber die Tränen sind noch da, und außerdem eine Couch und ein Lieblingsmensch, der den Kopf schüttelt und mir sagt, dass er gar kein Bock auf unsere Kirche hat, wenn mein Spielplatz sichtbar wird.
Trotzdem wissen wir beide, dass es irgendwas daran gibt, das sich lohnt. Dass es irgendwann, auch wenn das ‚Irgendwann’ für andere zu spät wäre, einfacher wird. Dass jeder einzelne Versuch und jede Bemühung gesehen und gezählt wird. Wir wissen, dass es ganz vielleicht nicht so schwer sein muss, nur irgendwo ein Fehler im System war, und jetzt sieht das Produkt ganz anders aus, als das, was wir bestellt haben.
Dass es jetzt so aussieht, heißt gar nicht, dass das Produkt so aussehen soll.
Dass ich mich so fühle, als würde das Leben mich zerquetschen, heißt nicht, dass mein Leben eine riesige Metallpresse ist, und ich dazu berufen bin, ein kaputtes Auto zu sein.

Ich bin inzwischen groß, weiß, dass Umstände nicht unveränderlich sind, und ich Einfluss darauf habe, was mich umgibt. Auch wenn ich mich innerlich so fühle, als wäre ich noch drei Jahre alt und hätte kein Balancegefühl.
Manchmal habe ich das auch immer noch nicht und meine Fußspitze bleibt am Bordstein hängen, während ich zum Spielplatz zurücklaufe.

Dort ist ein kleines Mädchen, das mit angestrengt rotem Gesicht versucht die Tränen zurückzuhalten und auf einer Wippe ans obere Ende zu klettern.
Am unteren Ende sitzt die Anstrengung und die Arbeit. Sie haben sich mit Pflichten und Verantwortung vollgefressen, und jede Menge schwere Gewichte, nämlich Dinge, die man eben tun muss, an das untere Ende der Wippe gehängt.
Ich gehe dorthin, und schneide nacheinander Seil für Seil der Gewichte durch, aber nicht alle, sondern gerade so viel, dass die Balance wiederhergestellt ist.
Anstrengung und Unbeschwertheit halten sich jetzt die Waage, Spielerei um des Spielens und der Freude Willen und Aufgaben und Arbeit sind auf Augenhöhe.
Sie schauen einander an, und das kleine Mädchen sitzt verblüfft, noch mit tränennassen Augen auf der Wippe, auf einer schönen Parkbank, und schaut nach links und nach rechts, wo jetzt keine unerreichbaren Höhen mehr sind, sondern Flachland.

Der Regen hat aufgehört, und ich schmecke mit jedem Atemzug das Leben. Manchmal schmeckt es bitter, manchmal sehr süß, manchmal undefinierbar. Aber auf jeden Fall könnte das wahre Leben, das mit der Fülle und dem Weg und der Wahrheit immer nach Ewigkeit schmecken.
Wenn es aber nichtmal nach Hoffnung schmeckt, ist irgendwo ein Fehler im System, denn Hoffnung schließt keine trüben Zeiten aus.

Irgendjemand lacht hell. Ich war schon im Begriff zu gehen, da drehe ich mich um und sehe, wie noch jemand auf die Wippe zurennt und hochklettert, genau in der Mitte. Die Person wird immer größer und ich erkenne sie, wie ich davor erkannt habe, dass ich loslassen und Gewichte abschneiden darf.
Es ist meine gute Freundin, die Dankbarkeit.