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Ihr seid mein Ursprung. Bei euch red ich nicht um den heißen Brei herum, bei euch fühl ich mich meistens nicht dumm, denn ich weiß, egal wie seltsam ich bin, ihr nehmts mir nicht allzu lange krumm.
Ich habe ein paar Jahre gebraucht um zu verstehn, was Familie ist, vor allem als ich gegangen bin, hab ich euch vermisst und gleichzeitig gemerkt, dass man den gemeinsamen Lebensrhythmus schnell vergisst, der einst den ganzen Alltag vorgegeben hat.
Zusammen den Tag zu beginnen findet nicht mehr statt und auch Abends werden wir nicht mehr gemeinsam satt, sondern jeder für sich an seinem eigenen Tisch.
Euch weniger zu sehen heißt noch mehr von euch zu halten, nicht weil ihr auf einmal mehr super seid, sondern weil sich jeder mehr Mühe und es weniger Streit gibt, um die Zeit, die wir gemeinsam haben befreit und in den buntesten Farben zu erleben.
Ich hab manchmal Angst alles von euch zu verpassen, kann mich nicht mehr auf die kleinen Momente zwischen Tür und Angel verlassen und hör auf, die gemeinsamen Sekunden wenn wir uns mal sehen mit Zeit am Handy zu verprassen, kann es gar nicht fassen wie viele Morgenmomente mit uns unter verschiedene Dächern wir schon in die Vergangenheit haben fließen lassen.
Aber zu euch zu fahren heißt immer noch nach Hause zu kommen, und was ich euch an Geschichten und handfesten Dinge zu verwahren gebe wird egal wie banal immer noch ernst genommen. Beim Anblick der Bilder, die von mir im Flur hängen, würde ich mich bei jedem Anderen beklommen fühlen, aber ich weiß, dass hier die Vorteilhaftigkeit der Erinnerung viel mehr zählt als die Vorteilhaftigkeit meines Aussehens.
Befreit von Niedergeschlagenheit ist Unbefangenheit das, was auf unserer Couch für fünf oder mehr auf uns wartet, bereit jede Gemeinsamkeit zu feiern und jede Unterschiedlichkeit zu ehren. Bald steht wieder Zeit zusammen an und ich freu mich darauf, meine Erinnerungen mit euch zu vermehren.

sundays for future // hoffnung

Wir leben in einer Zeit, in der Menschen auf die Straßen gehen, um ein Zeichen zu setzen, vom wichtig schwätzen zum richtig machen übergehen und sich dafür einsetzen, dass wir weiterhin in einer guten Welt fortbestehn. Diese Sache zieht sich durch die Straßen, am Staatstheater vorbei und füllt die Gassen bin hin zum Landwehrplatz mit lautem Geschrei, gegen das Unrecht.

Steh auf und sei mit dabei ansonsten geht es allen die nach uns kommen schlecht, denn das was gerade so unheilvoll in Zahlen gepackt bei Tageschau zu sehen ist, von brennenden Wäldern und schmelzenden Gletschern und aussterbenden Tieren, das gibt es alles echt.

Was ist das was Diktatoren das Fürchten lehrt? Was ist das, was jedes kleine ausgehende Herzensfeuer nährt, und was jeden Gedanken ans Aufgeben erschwert, das was meine eigene Verzweiflung eines Besseren belehrt, mir die Geschenke unterm Weihnachtsbaum beschert und mit mir an der Hand immer wieder zur Quelle neuer Kraft zurückkehrt?

Hoffnung.

Dieses Wort, das eine Sache beschreibt, die manchmal zum schneiden dick und doch unsichtbar ist, sich in keiner Maßeinheit misst, und doch so mächtig über Geschicke bestimmt, dass man sie ernst nimmt: Dort am stärksten, wo man sie wegen all der Dunkelheit am wenigsten vermuten will – Hoffnung.

Neue Kraft, das klingt vielleicht wie Musik in deine Ohren.

Es gibt hier jetzt die Einen, die strotzen nur so vor lauter Kraft, dass sie ihnen aus allen Poren dringt, und es gibt die Anderen, die mehr so wie ich sind, die das Leben fast tagtäglich in die Knie zwingt während es sich anfühlt als ob einem nur zwölf Prozent von allem was man angeht gelingt. Vielleicht startest du oft beschwingt in den Tag mit dem Vorsatz, dass heute wirklich alles gut wird, du einfach dein Bestes gibst und alles nicht so schlimm ist wie vielleicht ausgemalt, und am Nachmittag zittert dein Herz und schreit deine Vorsätze an:

DU HAST DICH GEIRRT,

 alles was dir an guten Vorsätzen im dummen Gehirn rumschwirrt wird dich nur verletzen, erwarte nichts, niemals, dein Erfolg wird ausbleiben, die Nachricht auf die du gehofft hast, wird dich versetzen wie schon so oft und du wirst all die zerbrochenen Scherben des Vertrauens auf das Gute mit Tränen der Ernüchterung benetzten.

Wie dumm du bist, dass du noch glaubst spottet mein Verstand.

Du solltest aufgeben und stumpf vor dich hinleben, und niemals mehr ausgeben als du dir wirklich genau kalkuliert leisten kannst, und die Angst, mein Freund die Angst die dir wachsam im Nacken sitzt, die ist die Stimme auf die du hören solltest. Erinnerst du dich noch an eine Situation, in der du mal trotzdem weitermachen wolltest und gesagt hast: Neee ich glaub aber voll fest daran, das ist meine Hoffnung: dass die Eisbären nicht aussterben, dass meine Oma gesund wird, dass ich es endlich schaffe aufzuhören zu rauchen und dass andere aufhören mich nur dann zu brauchen, wenn es ihnen schlecht geht, daran, dass aus zerrütteter Beziehung unmögliche neue Freundschaft und Annahme entsteht und daran, dass trotz ständigem auf der Stelle treten und drohendem Abgrund mein Leben noch weitergeht

Vielleicht ist alles, was dich gerade über Wasser hält die Hoffnung auf eine neue Welt.

Diese Erde müssen wir nicht festhalten, sie wird vergehen, begraben werden wie Herbstlaub unter Schneewehen, die riesigen Wellen und Winde der Fluten und Gewalten werden die Natur nicht mehr gestalten und wir Menschen werden nicht mehr die sein, die eingesetzt wurden, um zu verwalten, nichts bleibt beim Alten, stattdessen etwas wirklich wunderbares Neues entstehen.

Hoffnung meine gute Freundin, dich lasse ich niemals los. Du bist das Floß auf dem ich vertrauensvoll über Abenteuerflüsse schiffe. An dir halt ich mich fest, du bist einer meiner letzten Griffe in die vermeintliche Luft wenn der vermeintliche Weg in die Gruft ansteht.

Es gibt nen Songtext der geht:

Es gibt noch Hoffnung gib nicht auf, denn Gott ist bei dir, vertrau darauf, es scheint ein Licht in der dunkelsten Nacht, Gott verspricht, dass er keine Fehler macht. Keine Fehler?

Ich habs mal ausprobiert, schon öfter ehrlich gesagt, mein Vertrauen auf diesen vielleicht vermeintlichen Gott gesetzt, und manchmal nur drauf gewartet, dass er versagt, ihm trotzdem jeden Tag mein Leid geklagt und einmal trotzig nicht verzagt, ganz fromm an das geglaubt was ich nicht sehe, aber im Verborgenen liegt.

Und dann, mitten im Hoffen, dann werde ich auf einmal aufgeregt,stehe voller Erwartung auf, von meiner Ersatzbank des Lebens und entdecke voller Erstaunen und Ehrfurcht etwas, dass wie die unfassbar glanzvolle Wahrheit auf mich zufliegt:

Mein Gott hat diesen unbesiegbaren Riesen besiegt? Über alle miesen Alltagssituationen gesiegt, sodass jeder Gedanke an Unmöglichkeit verfliegt!

Er ist größer als ich gedacht habe, dass er sei, kommt nicht nur auf nen Sprung in meinem und deinem Leben vorbei und tätschelt mir den Kopf sondern greift voller Güte da ein wo Hopfen und Malz verloren war.

Wir feiern bald, dass die Jungfrau den Sohn gebar, und wenn mich jetzt jemand fragt, warum mir die Sorge nicht das Herz zerfrisst, dann kann ich immer wieder sagen, dass dieser Jesus, kleines Kind, Mensch voller liebe, allmächtiger Gott, meine ganze wunderbare Hoffnung ist.

Ein Mädchen sitzt im Büro, und die Atmosphäre, die sie mitbringt, ist so drückend, dass man sie hätte zerschneiden können. Sie sitzt auf dem Besucherstuhl. Ihr junges, schmales Gesicht ist eins von denen, auf denen das Lächeln sich nur auf der Oberfläche kräuselt, aber als ich sie anschaue nehme ich nochmal wahr, wie hübsch sie ist. Ihre mandelförmigen Augen blicken unruhig und kalt im Raum umher, jedes Blinzeln ist wie ein Schuss auf ihr Gegenüber. Die Munition besteht aus kugelförmiger Intensität, mal scharfe Aufmerksamkeit, mal Empörung, mal Dramatik. Aber jetzt sind es Schmerz und Wut.

Sie rührt mich, und ich würde ihr in all ihrer Anspannung gerne eine Freundin sein, was natürlich vollkommen utopisch ist, da sie nur ein Mädchen ist, was zufällig in dem Büro meiner Chefin sitzt, während ich auch nur ein Mädchen bin, was zufällig hier sitzt. Als sie ihren Pullover über den rechten Arm herunterzieht, sieht man schwarze Prellungen, die ihre Erzählungen noch dunkler färben. „Ich wollte halt die Beine nicht breit machen, mir solls doch auch bisschen Spaß machen. Aber jetzt bin ich durch mit ihm.“. Das andere Mädchen mit den dunkleren Haaren und dem neckischeren Augenaufschlag war williger gewesen, hatte ihn mehr als nett angelächelt. Die Nacktbilder, die sie ihm geschickt hatte, hatten am Tag danach auch alle anderen schon gehabt. „Wie eine Hure“. Alles offengelegt, alles verletzlich, alles so, so dumm.

Und hier sitzt die Andere, Betrogene, mit der Stimme, die klingt, wie raues, zerbrochenes Glas. Ich hätte nur die Hand ausstrecken müssen, um sie zu berühren, eine Brücke mit meinem Arm zu bauen, um die tröstenden Worte schneller zu ihr herüberzuschicken. Was hat dich so geblendet, hätte ich am liebsten gefragt. Aber eigentlich weiß ich, wie schnell man sich blenden lässt und auf einmal regungslos stehen bleibt, auf der Straße, die man überquert hat, ohne zu wissen, dass es eine tödliche ist, festgefroren im Scheinwerferlicht. Sie sitzt starr auf ihrem Stuhl und die Fingerknöchel zeichnen sich weiß unter ihrer Haut ab, als sie sich an die Tischkante klammert. „Ich habe angefangen ihn zu schlagen. Und dann hat er zurückgeschlagen.“

Diese Geschichten zu hören ist mir inzwischen nicht mehr fremd. Und es ist so seltsam, dass sie so alltäglich sind, dass ich selbst die Schockstarre verliere, in der ich früher verharrt hätte. Aber ich rede weiter mit dem Mädchen, als wären das alles Dinge die passieren, die furchtbar sind, aber die eben passieren. Ich werde nie aufhören ihnen allen zu sagen, wer sie sind, aber ich werde immer gelassener während ich das tue.

Sie verabschiedet sich und lacht, und ich weiß, dass dieses Lachen bedeutet, dass das Leben für sie gerade okay ist.

mehr oder besser ging irgendwie nicht

Beziehungsarbeit. Ich komme die Tür herein und im Klassenraum sitzen fünf Jugendliche, die hier ihre Ausbildung machen. Cheyenne erzählt lautstark wie sie diese eine dumme Fotze aus der Parallelklasse verprügelt hat und Melisa stimmt mit ein. Gelächter. „Ich hätt derre so eine ringezoh dass es am End die Zähn wieder grad gehott hätt.“. Evelyne hat ihr Handy unterm Tisch versteckt und sitzt schweigend und zurückgezogen mittendrin. Ich ignoriere die Handysache, weil es mir egal ist, solange sie später in der Praxis ordentlich arbeitet. Gestern hat sie mir entgegen ihrer sonst ruppigen Art fast kleinlaut erzählt, dass sie sich ihre Bankkarte von ihrer Mutter zurückgeholt hat, weil diese ihre seit ihrem ersten Ausbildungsgehalt „verwaltet“ hat. Von den 600 Euro Lohn hat Evelyne 50 Euro pro Monat gesehen. Ihre Haare sind zurückgekämmt und in einem Pferdeschwanz zusammengebunden, und ihr Gesicht sieht dadurch noch mehr so aus als wäre die Haut einfach wie dünnes Papier über ihre Knochen gespannt worden. Sie isst nicht gerne, nicht, weil sie sich bewusst dazu entscheidet, sondern weil es ihr glaube ich an Lebenslust fehlt.

Bleierne Müdigkeit liegt in meinen Armen und Beinen. Irgendwie ist heute einer dieser Tage, an denen ich jede noch so kleine menschliche Bürde nicht mehr ertrage. Alles ist so schwer, die Atmosphäre geladen mit so viel Druck, so viel Sehnsucht und Nicht-Ankommen, so viel Verlangen. Ich fühl mich manchmal als würde ich die Richtung kennen, in die es geht und dahin laufen, aber alle Anderen setzen sich wie Felsbrocken auf den Weg und starren stumm Löcher in meinen Rücken, bis ich die Spannung nicht mehr aushalte und mich zu ihnen umdrehe. Wieso lauft ihr nicht selbst? Ich geh auch voran, aber ziehen kann ich euch doch nicht, nicht alle! Jeder von euch weiß es doch eigentlich!

Neues kann man den wenigsten Menschen erzählen. Das Problem ist nicht, dass wir zu wenig wissen. Das Problem ist, dass wir zu viel fühlen was in dem Moment passiert und dem mehr Glauben schenken als allem, was wir eigentlich schon erlebt und ausgewertet haben. Erfahrungswerte muss man festhalten und ihnen immer wieder neu Bedeutung zu sprechen, sonst sind sie erfahrungswertlos. Kennst du das, wenn es Winter ist, und du seit Wochen in Jacke rumläufst? Wie schwer ist es, sich vorzustellen, man ganz lange Nachts nicht mal einen Pullover drüberziehen musste, weil es so heiß war? Alles was mal war, aber gerade nicht so ist, erscheint vollkommen unwirklich. Und deshalb fällt es uns so leicht die Datenbank der Wahrheit in unserem Gehirn mit akuten Emotionen und Ängsten zu überschreiben.

Ich helfe gerne, mit allen Beinen, Händen und Herzen, die ich habe, aber immer wieder reicht es wohl nicht. Was heißt denn dieses „Es hat gereicht“? Dass die Person ganz und sich selbst genug ist? Dass sie sich für das Richtige entschieden hat und dabei bleibt? Dass sie gesund ist, und im Schnitt fähig ist, ein gutes Leben zu führen? Ganz ehrlich, dann wird es niemals reichen. Die gesamte Energie meines ganzen Lebens zusammengebündelt würde das nicht vermögen. Woher ich das weiß? Weil sie oft nicht einmal genug ist um mich selbst bei Laune zu halten.

Punktuelles Investieren funktioniert bei einer Reaktion von einer Eisen/Schwefel-Pyramide. Einmal katalysiert und das Ding läuft von selbst ab. Menschen sind eher wie kochendes Wasser oder so. Man braucht eine Menge Zeit sie anzuheizen und ohne Wärmezufuhr fällt die Temperatur schnell. Aber Menschen können sich (zumindest oft) aussuchen, welchem Umfeld sie sich aussetzen. Gefrierschrank oder Herdplatte?

Wann soll ich jemanden sein eigenes Ding machen lassen, ohne ihn mehr zu ziehen, ihm zu sagen „Probiers doch nochmal“? Wann dränge ich jemanden in eine Farce hinein, indem ich ihn ermutige weiterzugehen? Wie lange gilt ‚fake it til you make it‘ ohne, dass der ungesunde Fake bleibt? Ich muss mich selbst oft genug davon überzeugen, dass alles doch nicht so schlimm ist, dass die Sonne wieder aufgehen wird, dass es nicht weniger Gott im Schatten gibt, und dass die Wahrheit nicht auf einmal nonexistent ist, wenn es regnet und ich sie nicht sehe. Ich denke, es ist richtig nicht nur die Wahrheit so zu nehmen wie die Gefühle kommen, und mich manchmal dazu zu entscheiden, an das zu glauben, was ich nicht sehe.

Es wäre so oft einfacher zu sagen „Mach was du willst, es ist dein Leben.“. Das zu sagen wäre berechtigt. Denn es ist dein Leben, und ich darf niemals vergessen, dass meine Entscheidungen allein in mein Leben gehören und nicht in deins. Sonst werde ich immer dich dafür verantwortlich machen, dass du meiner Entscheidung nicht gefolgt bist und keinen Bock auf die Extrameile hattest, die ich für dich gegangen bin. Mein Fehler. In meinem Lieblingsbuch steht: „Gib alles was du gibst so, dass du es nicht zurückbekommen müsstest.“ Denn oft kriegt man es nicht zurück. Ich kann es mir sehr gut überlegen, was ich gebe, mir sagen, okay, diese Ressource behalte ich für mich, die brauche ich. Denn alles was weg ist, ist weg. Es gibt keine Garantie dafür, dass etwas zurückkommt, und vor allem auch keinen Anspruch auf Entschädigung.

Alles richtig machen zu wollen – das kenne ich. Sich selbst klein und lächerlich  und mickrig zu fühlen – das kenne ich auch. Sich selbst zu hassen und wehzutun – das kenne ich nicht. Aber ich kenne die Ansätze der Dinge, die einen unglücklich machen und auch die, die einen glücklich machen gut genug  um zu wissen, dass es nie schlechter wird, wenn man jemanden hat, mit dem man reden und lachen kann, und bei dem man auf der Couch sitzen kann und sich zuhause fühlen darf, auch wenn die Person gar nicht da ist. Ich hab ne Couch und im Lachen bin ich ganz gut, dann bekommst du halt einfach das, bis mir was Besseres einfällt.

Wundersame Menschenwesen, das Schönste dieser Welt, was mir je begegnet ist, und trotzdem so viel Schutt und Asche in jedem Leben. Ich würde immer wieder alles darauf setzen. Nicht weil Menschen so verlässlich sind, oder so viel Güte und Freundlichkeit in ihren Taten liegt, das kommt zwar auch immer wieder vor, aber ich weiß von mir selbst am allerbesten, dass ich in einer einfachen Kosten-Nutzen Abrechnung immer noch mehr Ressourcen verbrauchen würde als welche zu schaffen, als diese Welt besser zu machen, was auch immer das heißen soll.

Trotzdem, Mensch, wenn du vor mir stehst, dann kann ich nicht anders, als zu sagen, du bist es wert. Und das ist vielleicht oft der erste Tropfen im Glas der Wertschätzung des anderen Lebens, das nach oben hin gar keinen Rand hat. Deswegen wird auch nie reichen, was ich ausgieße. Aber mit jedem Mal wird es ein bisschen reicher. Und das reicht mir.

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Es ist so seltsam, dass einem so viele wertvolle Gedanken, Gesprächsfetzen, oder Worte entwischen. Durch das grobporige Sieb des Bewusstseins rutschen sie, so wie winzige Fische durch ein Fischernetz. Jedes Mal, wenn ich ein tiefberührendes Gespräch hatte, schreit alles in mir, das festzuhalten, was an Gutem dort herausgekommen ist, es niederzuschreiben und unvergesslich zu machen. Trotzdem muss ich mich zwingen, mich bei allem Input des Alltagstrubels hinzusetzen, und auszusprechen, was so viele noch nicht wissen, und was sie zerfrisst.

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Wir leben in einer Zeit, in der Unheil an jeder Ecke sitzt, wie ein Ungeheuer. Wahrscheinlich saß jedes von ihnen auch schon von Anbeginn der Zeiten da, aber heute sehen wir sie alle, auch wenn etwas hunderte Kilometer entfernt stattfindet. Man wird gezwungen teilzunehmen, an gesprengten Dörfern, an Leid von Familien, die nicht die eigene ist, die man vielleicht niemals treffen wird, aber die nun doch Berührungspunkte mit einem haben. Fiktives Leid und reales Leid. Man wird gezwungen abzustumpfen, denn so viel können wir gar nicht tragen. Da Leid überall ist, ist das eigene von geringerer Bedeutung, denn Bedeutungsintensität wird an Rarität gemessen. Es wird auf die Waage gelegt, Armut gegen Verfolgung, und das „leichtere“ scheidet aus, wird mit „irrelevant“ stigmatisiert. So lassen wir unsere Welt funktionieren, durch einen Wettkampf um das Schwerwiegendere.

Und dann komme ich. Inmitten von all dem Dunkel an leiddiktierten Biographien steht mein Leben. Das, einer 21-jährigen gesunden Deutschen, mit einer Familie, in der die Eltern sich lieben und genug Geld verdienen, um mehr als die eigene Familie zu finanzieren. Ich war nie ernsthaft krank, hatte immer mindestens eine sehr gute Freundin, der ich alles anvertrauen konnte, und wurde mein Leben lang in dem was ich bin und kann unterstützt. Ich kann mir jeden Tag mein Essen leisten, mehr als ich vertrage, und habe mehr materielle Dinge, die ich mein Eigen nennen darf, als ich auch nur ansatzweise nötig habe. Ich bin so unendlich dankbar dafür, aber trotzdem immer noch zu wenig. Natürlich passieren auch immer mal wieder unschöne Sachen, aber alles, was ich unverdient bekommen habe, sollte eigentlich mehr als genug Brennstoff für ein immerwährendes Feuer der Zufriedenheit und des glücklichen Seins liefern.

Wie, wie um Himmels Willen kann es sein, dass ich, die so viel Glück erfahren durfte und darf, manchmal tieftraurig bin? Traurigkeit ist doch das Monopol der Armen, der Verfolgten, derjenigen, deren Familiengeschichten vollkommen zerrüttet sind! Wie kann es sein, dass ich mich so oft allein fühle? Es ist unfair von mir, dass ich mich allein fühle, obwohl ich so viel(e) habe.

Und trotzdem kann ich nicht leugnen, was manchmal aus meinem Herzen quillt, wie dunkles Öl, das mit anmaßenden, hässlichen Flecken alles benetzt, was ich sonst noch sehe. Dass es Dinge gibt, die mehr als nur ein bisschen schlechte Laune machen, dass es Ereignisse gibt, über die ich mehr mal nur einmal weine, und die sich, auch wenn sie schon ad acta gelegt und überwunden sein sollten, immer wieder wie egoistische Wolken vor die Sonne der Gegenwart schieben.

Ich habe so lange gebraucht, um zu verstehen, dass Schmerz immer wehtut, egal, aus welcher Situation er geboren wird. Schmerz funktioniert nicht in Zahlen. Er funktioniert viel tiefer, und logisch ist er auch nicht immer.

Ich habe so lange gebraucht, um zu verstehen, dass man sich selbst ernst nehmen darf, denn nach wie vor ist diese Welt kaputt, und allein, wenn man in ihr lebt, wird ein Stück von einem immer mal wieder mit zerbrechen. Und dann ist das nicht nur in Ordnung, nicht nur geduldet, zu leiden. Dann ist das richtig und wichtig, und all das Leid außerhalb des eigenen Lebens vielleicht nicht nichtig, aber zumindest nicht fehlerpflichtig. Es gibt nichts, was wehtut und unberechtigt ist.

Ich will, dass du da Draußen das weißt. Du musst dir nicht in deinem Leid gefallen, und dich auch nicht darin suhlen. Aber du musst es auch nicht verstecken, nur weil es Einen gibt, den es noch viel schlimmer getroffen hat als dich.

„It`s okay not to be okay“ ist ein Slogan, den ich immer gehasst habe. Vielleicht weil er zu Schwäche ermutigt hat, weil ich ihn aufgefasst habe, als wäre es vollkommen akzeptabel, sich gehen zu lassen, sich nicht nach Heilung auszustrecken. Denn eine der größten Unwahrheiten ist, dass deine Gefühle bestimmen, wer du bist, als würden sie die Wege bahnen, in denen das Leben verläuft, und das stimmt nicht. Sie gestalten lediglich das Außenrum, die Pflanzen am Straßenrand, die Beschaffenheit des Bodens, den Zustand des Himmels über deinem Kopf.

Was viel mehr dein Leben bestimmt als Gefühle, sind die Entscheidungen, die du, oft auch mehr als nur einmal triffst. Manchmal bedeutet das eine Entscheidung gegen den Schmerz. Manchmal bedeutet das aber auch eine Entscheidung für den Schmerz.

Straßengesichter

Ihre von faltiger Haut eingerahmten Augen sind manchmal erstaunlich klar, aber meistens verpasse ich es, weil ich mich nicht traue, genau hinzusehen. So war es zumindest früher oft. Ich wollte dem Leid nicht ins Auge blicken, weil es dann wie ein moralisches Verbrechen wäre, weiterzugehen, obwohl ich Bescheid weiß.

Inzwischen scheue ich sie nicht mehr, die Gesichter, die manchmal so viel über das Leben eines Menschen verraten. Ich schaue sie an, und finde schmerzhafte, aber auch erstaunliche Dinge darin. Wenn man will, kann man sie leicht überfliegen, aber eigentlich sind sie immer da und überall: Obdachlose.

In den letzten Tagen habe ich die unglaublich dekadenten, schönen, auch nicht so schönen, und vor allem riesigen Straßen von München ein kleines bisschen kennengelernt.

Ich liebe es, neue Orte allein zu entdecken, aber manchmal habe ich auch gerne Gesellschaft. Wenn man mit einer Person, die eine Stadt schon kennt, unterwegs ist, sieht man das spektakuläre Zusammenspiel von Gebäuden und Menschen immer durch den Filter des Anderen.

So war es auch diesmal, und auch deshalb fielen sie uns besonders auf: Die Menschen ohne Zuhause, mit ihren blauen Decken um den Schultern und einem schon benutzen Kaffeebecher mit roten Münzen zu ihren und meinen Füßen, manche in einer Haltung auf Knien auf jedes bisschen Restgeld harrend, manche in gebrochenem Deutsch etwas wie „Bitte“ murmelnd.

Nichts, was wir nicht schon alle gesehen hätten.

Nichts, was wir nicht schon alle wieder vergessen hätten.

Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber ich habe genug. Ich habe genug immer wieder etwas geben zu können und ich habe genug davon, in dem Zwiespalt aus schlechtem Gewissen weil ich es nicht tue, und dem Bedürfnis es nicht zu tun, weil es für wer weiß was ausgegeben werden könnte und sowieso nur ein Tropfen auf den heißen Stein ist, zu sitzen.

Ich hatte vor ein paar Jahren angefangen mit ihnen zu reden, den Menschen, die überall und nirgendwo (nicht) zuhause sind, und ihnen einen winzigen Bruchteil von dem zu besorgen, was sie brauchen: Windeln für das Kleinste, Brot für das Abendessen, Kaffee für die kalten Finger.

Wenn ich anfange, mit Menschen zu reden, bekommt die Person auf einmal Form und Farben. Sie ist nicht mehr nur eine Figur am Rand eines Sichtfelds. Ich verstehe dann, warum Menschen sind, wie sie sind, warum sie tun, was sie tun, und auf einmal gewinnen sie für mich an Bedeutung, wie ein Ausmalbild, dem jetzt durch bunte Farbminen Leben eingehaucht wurden.

Für meine Begleitung und mich in München war es fast natürlich kurz mit dem ersten Obdachlosen zu reden, der vor unserer Nase saß: „Romania, ce face“. Er hat mir nochmal kurz das Zählen in der anderen Sprache beigebracht und gelacht, weil er sich freute, uns seinen Namen sagen zu dürfen.

Nur ein paar gepflasterte Quadratmeter weiter saß eine Frau, und rückblickend weiß ich gar nicht so recht, was für Worte ich für ihre Beschreibung wählen soll. Ich weiß nur noch, dass sich unser Lächeln in ihren schönen grünen, aber wie mit Schlieren aus Sorge überlaufenen Augen spiegelte. Sie war wirklich hübsch, obwohl sie schon über 30 war, was auf der Straße oft bedeutet, dass sie noch nicht lange dort sind. Das Gesicht verhärmt mit der Zeit, und die Züge werden hart, weil in jeder einzelnen Falte die Resignation über das Schicksal wie festgewordener Beton sitzt. Der Schmerz dieser Frau dagegen war noch frisch. Die Umstände lachten uns dreckig ins Gesicht, als sie uns sagte, dass ihr Name Speranza sei. Hoffnung. Zerplatze Hoffnung. Verraten von der Welt. Niederschmetternde Realität.

Sie fragte uns nicht nach Geld, sie fragte uns nach Arbeit. Ihr Englisch war gut. Eine rumänische Mutter, die ihre drei Kinder in Bukarest zurückgelassen hatte, um dem Ruf einer Freundin zu folgen und in Deutschland, dem guten Land der tausend Möglichkeiten, Arbeit zu finden.

Als sie vor drei Wochen ankam, fand sie die Dinge anders vor, als sie es sich ausgemalt hatte, und auf einmal wurden alle bunten Farben ihres Bildes von der Zukunft grau wie der von tristen Wolken bedeckte Himmel über München.

Wir besuchten diese Frau am Tag danach wieder. Meine Freundin Lane hatte den ganzen Morgen damit zugebracht Speranza eine Karte mit Anlaufstationen für Obdachlose einzuzeichnen. Wir hatten uns gemeinsam überlegt ihr vorzuschlagen, dass sie das erbettelte Geld für ein Ticket zurück nach Rumänien zusammensparen, und wenigstens zurück zu ihren Kindern fahren könnte. Wir würden uns um den organisatorischen Ablauf kümmern.

„I want to help you, but I need to trust you“, sagte Lane, als wir uns mittags neben die Heimatlose setzten. Wir hätten keine Worte gebraucht, um die Rührung und die Dankbarkeit in Speranzas Blick zu deuten. Sie erzählte uns von ihren Kindern, ihrer schwierigen Mutter, dem bei einem Unfall verstorbenen Vater und dem Exmann. Keine allzu ungewöhnliche Geschichte. Fast schon zu gewöhnlich, um sensationsartig betroffen zu sein. Es war auch nicht so sehr die Geschichte, die mich packte, sondern die Persönlichkeit dieser Frau, in welche die Geschichte eingebettet war.

Ihre Sehnsucht nach einem besseren, von Armut gelösten Leben war so aufrichtig und rein, wie ihre Fingernägel schon seit Tagen nicht mehr. Und wenn man in solche sorgenvollen Augen einer Frau schaut, die nichts hat, außer das, was sie am Leib trägt, und welche dann aus Dankbarkeit für eine bloße Unterhaltung und dem Interesse an ihr ihre geschenkten Dinkelbiokekse mit dir teilen will, die vielleicht ihr Überleben sichern, dann kann man fast nichts anderes tun, als die Welt anzuschreien, Gott, irgendwen, den Himmel, für diese bodenlos ungerechte Verteilung von Armut auf der Welt.

Mir trieb es die Tränen in die Augen zu spüren, was diese Frau spürt, und mir treibt es die Tränen in die Augen während ich diese Worte schreibe. Weil es so wenig gibt, was ich tun kann. Und weil ich so schnell bereit bin, das Wenige was ich tun kann nicht zu tun.

Wenn man auf dem Boden sitzt, sind die einzigen Wesen, die einem auf Augenhöhe begegnen Hunde und Kinder. Wir ernteten nur befremdete Blicke von den Erwachsenen, die uns bei Speranza sitzen sahen. Und dann geschah auf einmal etwas Sonderbares, etwas, was uns wie ein Wunder erschien: Ein Mann, der es sehr eilig hatte, legte fast beschämt und im Vorbeigehen einen Geldbetrag in den alten Kaffeebecher, den die Frau in mehreren Tagen des Bettelns nicht erhalten hätte. Ich glaube, er wollte nicht, dass wir sein Gesicht sahen. Erst konnte es niemand von uns glauben. Dann begriffen wir.

Ich glaube, dass die Tatsache, dass wir als sozial anerkannte Menschen bei einer gesellschaftlich Ausgestoßenen saßen, eine Brücke zu denen gebaut hat, deren Blicke sonst auf einer ganz anderen Höhe umherschweifen. Die Geste des Wohltäters war so tief, fast respektvoll.  An diesem Geldschein haftete so viel Bedeutung, so viel, was ungesagt war und was wir doch verstanden. Ich sehe euch. Und es bewegt etwas in mir.

In diesem Mann hatte sich ein kleiner Funke geregt, eine schwach glimmende Glut, die mit ihren dunkelrot-orangenem Farbenspiel flüsterte, dass sie etwas beitragen wolle am guten Werk dieser Welt. Und diese Glut des Verstanden-Seins und des Gesehen-Werdens, wärmte unsere kalten Finger auf dem kalten Pflaster an einem grauen Mittwoch in München. Denn auf einmal war da wieder Hoffnung. Sie haftete an dem von der Bundesbank bedrucktem Papier, und brachte eine Botschaft mit sich:

Ein Schritt näher an Zuhause.

pinky promise

Für C und alle Anderen

 

Eifersucht is ne Bitch.

Sie saugt sich unbeobachtet fest wie schmutziges Pfützen Wasser im Rockzipfel, und kriecht verräterisch wie eine Schlange am Körper hoch, bis sie das Herz heiß zusammendrückt und die Gedanken kalt vernebelt. Eifersucht ist wie ein wildes Tier, das sich spitz in deinen Nacken krallt, doch als du es abschütteln willst, merkst du, dass es gar nicht auf dir drauf, sondern in dir drinsitzt, eingesperrt durch deine Körperwände. Ein Parasit, der sich von dem ernährt, was du selbst an dir magst, das was du kannst, das, was du denkst, dass du wert bist. Der bittere Atem, der aus seinem Mund kommt, ist ein beklemmendes, stummes Gefühl, das lähmend und vernichtend das flüstert, wovor alle immer Angst haben: „Du bist nicht genug. Du kommst zu kurz. Du bedeutest nicht so viel wie sie.“

Ich hasse Eifersucht, weil sie lodernd und ohne Gnade alles Gute in einer lebendigen Gedankenwelt verbrennt, und nur noch einen zugeschnürten Sack kalter grauer Asche hinterlässt. Kein Wunder, dass Menschen um sich schlagen. Kein Wunder, dass ich um mich schlage. Kein Wunder, dass alles grau wird.

Wenn du an einen neuen Ort ziehst, dann weißt du vorher noch nicht, dass du dort vielleicht eine Kombination aus den dir irgendwann liebsten Menschen der Welt finden wirst. Und wenn du dann mal da bist, dann kannst du es vielleicht immer wieder gar nicht fassen, dass ausgerechnet du das erleben darfst, diese Gruppe aus Leuten, die ungefragt bei dir an der Tür klingelt, die jeden Sonnenstrahl mit dir einfängt und dir erhält und die jeden Ort mit dir erkundet, ganz ohne Plan, sondern einfach weil man sich ins Auto gesetzt hat und mit lauter Musik und quietschenden Reifen losgefahren ist.

Was wir Menschen so oft vergessen ist, dass nicht nur die Sonnenstrahlen, sondern auch die Regenwolken eingefangen werden müssen. Spätestens, wenn sich die seichten Schwaden eines dummen Gedankens, eines winzig piksenden Stachels der Verletzung zu Haufen des Unausgesprochenen über uns zusammenballen, ist es Zeit, ihnen das Gewicht und die Dunkelheit zu nehmen.

Lass uns mal reden. Viele Tränen müsste es nicht regnen, wenn wir mehr reden würden, und viele Pfützen würden sich nicht in unserem Rockzipfel festsaugen, wenn wir mehr aussprechen würden, was uns belastet. Denn durch die dunkeln Wolken über uns seh ich nicht so gut, ich seh nicht richtig wer du bist, und das dunkle verzerrte Bild, das ich von dir habe, bleibt, während ich versuche immer mehr Abstand zwischen dich und mich zu bringen, weil ich auf einmal Angst habe, dass du mich bestiehlst.  Mir meinen Wert klaust, das was mir heilig ist nimmst, und damit abhaust, und voller Bitterkeit schaue ich zu dir rüber, kann nicht weggehn, am liebsten will ich wegsehn, doch der faulige Atem des Tieres in mir fixiert meinen sengenden Blick und zwingt mich, mich zu dir zu drehn.

Ich will weniger Eifersuchtsgewitter in meinem Leben, in meiner Stadt, in dieser Welt. Ich wünsche mir so sehr, dass wir die Wolken zwingen sich zu entladen, bevor die Blitze aus unseren Augen zucken, und dann ist es okay, dass es auch mal dunkel wird über unserer Freundschaft. Wir kennen uns ja inzwischen auch schon etwas länger und es ist inzwischen viel passiert und einiges haben wir auch kaputt gemacht, weil wir uns mit der Zeit zusammen bewegen und als menschliche unperfekte Wesen aufeinander drauftreten.

Lass uns bitte nur nie aufhören darüber zu reden, denn jedes ungesagte Wort ist ein Stück Strecke, das wir weiter auseinander gehn. Aber wenn wir ganz nah zusammenstehen, dann seh ich immer noch die Sommersprossen in deinem Gesicht und das Mohnkorn, das noch vom Frühstück zwischen deinen Zähnen hängt, und dann bist du nichts Schlimmeres, als eine Freundin, die sehr gesegnet ist, und ich auch, denn ich darf ja neben dir stehen.

Kleiner Fingerschwur: Lass uns weniger eifersüchtig sein und mehr zusammenhalten.

Dieser Weg

IMG_3886Versinke in Meeren aus Buchstaben und such nach einem, an den ich mich klammern kann. Jedes Wort bringt mich dorthin zurück wo alles begann, weil es in genau jener Zeit entsprang, in der die Tagesmelodie von hier aus betrachtet noch leichter und unbeschwerter klang.

Was ich im Hier und Jetzt habe, ist unglaublich viel, aber ein bisschen fehlt mir das mich begeisternde Ziel. Wohin soll ich gehen, in welchem Winkel der nächste Schritt, was ist die nächste Vorstellung vom Leben die mein Fuß der Vernunft folgend zertritt, wen von allen nehm ich auf meinem weiteren Lebensweg mit?

Ich werde niemals auch nur irgendwohin laufen können, ohne mich gleichzeitig näher zum Einen und weiter vom Anderen wegzubewegen, und manchmal ist der Ort, an dem ich mich dann wieder finde wie trockener Regen, vollkommen absurd, unpassend und rein gar nicht wie in meiner naiven Erwartung ausgemalt und verlegen versuch ich, es hier ein bisschen wie gewollt aussehen zu lassen, mich unauffällig an einen passenden Platz im verstreichenden Moment zu bewegen, stoße aber immer irgendwo dagegen.

Manchmal gibt es diese Lebensmomente, da passt einfach alles, wie zwei unterschiedliche Takte, die für einen Wimpernschlag im selben Rhythmus schlagen, aber im nächsten wieder aneinander vorbei. Irgendetwas eckt immer an, auch wenn es nur die Gewissheit ist, dass man diesen einen perfektionsgeladenen rhythmischen Wimpernschlag nicht festhalten kann. 

Mein „Für immer“ ist nicht hier auf dieser Erde, nicht hier in diesem Leben, nicht hier in diesem Moment. Was bleibt mir anderes übrig, als die verkrampften Fäuste zu öffnen und ziehen zu lassen, was sowieso niemals dafür gemacht worden ist, für immer zu bleiben?

 

Surely your goodness and love will follow me all the days of my life, and I will dwell in the house of the LORD forever.

Spiegelungensaga

Man kann kaum durch die Welt gehen, ohne dass man gespiegelt wird. Mein Gesicht und mein Körper im silbernen Glas, meine Bewegungen in Schaufensterscheiben, mein Verhalten durch das der Menschen, die um mich herum sind.

Es ist unmöglich mich nicht selbst zu sehen, neben den Anderen. Ein Spiegelbild, so neutral und doch so unglaublich machtvoll. Alles zeigend: Was ich sein will, und was ich nicht sein will, aber trotzdem bin. Neben mir: Wer oder was ich gerne sein würde.

Wir leben in einer Spiegelgesellschaft, immer auf der Suche nach dem schöneren Spiegelbild, weil das, was wir sehen, immer wieder viel zu viel Konkurrenz hat. Als ob die Konkurrenz weniger werden würde. Je mehr Raum ich ihr gebe, desto mehr Fläche nimmt sie ein. Und irgendwann werde ich blind, geblendet, von dem, was ich vielleicht sehen könnte, wenn ich eine bessere Version meiner selbst wäre. Ich versuche mehr und härter, will hoch hinaus, bis ich auf der spiegelglatten Oberfläche ausrutsche.  Die Scheibe splittert, und bohrt sich in meinen Rücken, dort, wo ich mir keinen Schutzpanzer zugelegt habe. Dort, wo ich selten hinsehe. 

Vielleicht suchst du verzweifelt nach der Zufriedenheit in deinen Spiegelungen. Betrachtest jedes winzige Detail mit der Lupe. Und findest nur Sehnsucht danach, zu genügen.

Spiegel ab und an zu gebrauchen ist weise. Wenn die Spiegel aber dich gebrauchen, wirst du zum gehetzten Objekt im eigenen Spiegelkabinett. Herumirrend, gleichzeitig auf der Flucht vor dir selbst, aber trotzdem bist du alles, was du als Ziel vor Augen haben könntest.

Ich glaube, das wahre Ziel ist hinter dem Spiegel. Nur wenn wir unseren Blick von uns selbst nehmen, und ihn auf das richten was vor uns liegt, was jetzt gerade um uns herum liegt und auf das, was über uns liegt, finden wir mehr Ruhe.

 

Denn ich weiß,

groß wie das Firmament

ist da die Hand des Gottes,

der mich durch und durch kennt

der Schönheit vollkommen neu benennt,

und all meinen Minderwert und meine Schuld

mit seiner Liebe verbrennt.

 

so grab a stone my friend

for the power of the mirrors shall end.

 

Jazz

 

Wie lange willst du oben bleiben?

Eine Wortansammlung für all die, die sich in einem sich rasant drehenden erste Welt-Land von Lebensaufgaben erschlagen fühlen und sich fragen, wie zum Henker das mit dem Gleichgewicht halten funktioniert.

Man sollte als unbeteiligte Person nicht auf einen Spielplatz gehen, sich umschauen, und erwarten, dass man nicht als seltsam abgestempelt wird.
Wenn man es aber tatsächlich mal tut, stellt man fest, dass da kleine Menschen sind, die auf irrwitzig kleinen Füßen im Pinguinschritt hin-und herwackelnd herumrennen, und alles vergessen, was sich ausserhalb des Spielplatzzauns befindet.
Innerhalb des Zauns erleben sie das Abenteuer ihres Lebens.
Niemand fragt sich, ob diese Kinder Berechtigung haben zu spielen, oder ob es sinnvoll ist, was sie tun, denn das ist gar nicht erst der Maßstab mit dem sie gemessen werden. Dieser Maßstab wird dir erst die Hand gedrückt, wenn du anfängst im Staffellauf des Erwachsenseins mitzurennen.

Auf einer Wippe sitzen sich spielerische Unbeschwertheit und sinnvolle Anstrengung gegenüber.
„WIELANGEWILLSTDUOBENBLEIBENNN??“, schreit die Anstrengung und wiegt mit jeder verstreichenden Sekunde schwerer und schwerer, bis ihre Seite der Wippe am Boden angekommen ist.
Plötzlich habe ich kleine Schuhe an und viel zu kleine Füße, ich schwanke von links nach rechts und laufe wie ein Pinguin. Alles ist so groß und da oben, am anderen Ende der Wippe, sehe ich die leuchtende Unbeschwertheit.
Ohne zu fragen, ob ich sie erreichen kann, weiß ich, dass ich sie erreichen will.
Ich fange an zu klettern, aber meine Arme sind zu schwach und meine Hände zu klein, und ich habe eine dicke, gefütterte Jacke an, in der ich mich kaum bewegen kann und meine Nase läuft.
Außerdem ist die sinnvolle Anstrengung zu dick und ich rutsche ihr, während ich das glatte Holz der Wippe hochklettere, immer wieder in die Arme. Mir ist warm, zu warm, und ich bin so eingeengt, dass ich sauer werde.
Immer mehr Wesen setzen sich an das untere Ende der Wippe hinter, auf, und vor die Anstrengung, wie der übergewichtige Zwölfjährige, der mit fettigen Haaren und ungewaschener Jogginghose, gemein grinsend viel zu groß in jeder Hinsicht ist, um auf dem Spielplatz rumzuhängen. Den Geruch, den er mit sich trägt, kenne ich: Es sind Dinge die erledigt werden müssen, weil sonst eine Schraube aus meinem Lebensgerüst fällt, Aufgaben die sonst niemand übernimmt, Menschen die sonst einsam sind.

Es regnet. Regen macht sauber. Tränen auch, deswegen fühlt man sich immer seltsam befreit, wenn man geweint hat, weil dadurch verkrustete Frustration und Traurigkeit weggespült wird. Aber mein Frustrationskamin lodert, und kein Tränenschwall ist nass genug, ihn zu löschen.
Ich rufe verzweifelt suchend nach Papa, der die fette Anstrengung von der Wippe schubsen soll, denn er ist stark und groß und hat mich lieb, das ist seine Aufgabe, das ist meine Wippe.
Ich rufe suchend nach Irgendjemandem, der etwas anderes wegnimmt, der Aufgaben übernimmt, für die sonst niemand Platz hatte und die deshalb zu mir gekommen sind, ich hab nämlich Angst sie wegzuschubsen, weil meine Hände zu klein sind, und meine Füße auch.
Und überhaupt ist es vielleicht meine Aufgabe, Aufgaben zu haben, wenn niemand Anderes sie tut, oder sie an sich nimmt. Papa zum Beispiel, oder die Anderen.
Wer sagt denn, dass Anstrengung schlecht ist, vielleicht muss es einfach schwer sein und regnen, und man rutscht immer wieder nach unten, weil man jetzt gerade einfach auch mal da hingehört, wo Dinge schwer sind, wo man doch sonst so viel hat – einen ganzen Spielplatz voller Talente und Sachen und den Segensregen noch dazu!

Der Spielplatz ist plötzlich weg, aber die Tränen sind noch da, und außerdem eine Couch und ein Lieblingsmensch, der den Kopf schüttelt und mir sagt, dass er gar kein Bock auf unsere Kirche hat, wenn mein Spielplatz sichtbar wird.
Trotzdem wissen wir beide, dass es irgendwas daran gibt, das sich lohnt. Dass es irgendwann, auch wenn das ‚Irgendwann’ für andere zu spät wäre, einfacher wird. Dass jeder einzelne Versuch und jede Bemühung gesehen und gezählt wird. Wir wissen, dass es ganz vielleicht nicht so schwer sein muss, nur irgendwo ein Fehler im System war, und jetzt sieht das Produkt ganz anders aus, als das, was wir bestellt haben.
Dass es jetzt so aussieht, heißt gar nicht, dass das Produkt so aussehen soll.
Dass ich mich so fühle, als würde das Leben mich zerquetschen, heißt nicht, dass mein Leben eine riesige Metallpresse ist, und ich dazu berufen bin, ein kaputtes Auto zu sein.

Ich bin inzwischen groß, weiß, dass Umstände nicht unveränderlich sind, und ich Einfluss darauf habe, was mich umgibt. Auch wenn ich mich innerlich so fühle, als wäre ich noch drei Jahre alt und hätte kein Balancegefühl.
Manchmal habe ich das auch immer noch nicht und meine Fußspitze bleibt am Bordstein hängen, während ich zum Spielplatz zurücklaufe.

Dort ist ein kleines Mädchen, das mit angestrengt rotem Gesicht versucht die Tränen zurückzuhalten und auf einer Wippe ans obere Ende zu klettern.
Am unteren Ende sitzt die Anstrengung und die Arbeit. Sie haben sich mit Pflichten und Verantwortung vollgefressen, und jede Menge schwere Gewichte, nämlich Dinge, die man eben tun muss, an das untere Ende der Wippe gehängt.
Ich gehe dorthin, und schneide nacheinander Seil für Seil der Gewichte durch, aber nicht alle, sondern gerade so viel, dass die Balance wiederhergestellt ist.
Anstrengung und Unbeschwertheit halten sich jetzt die Waage, Spielerei um des Spielens und der Freude Willen und Aufgaben und Arbeit sind auf Augenhöhe.
Sie schauen einander an, und das kleine Mädchen sitzt verblüfft, noch mit tränennassen Augen auf der Wippe, auf einer schönen Parkbank, und schaut nach links und nach rechts, wo jetzt keine unerreichbaren Höhen mehr sind, sondern Flachland.

Der Regen hat aufgehört, und ich schmecke mit jedem Atemzug das Leben. Manchmal schmeckt es bitter, manchmal sehr süß, manchmal undefinierbar. Aber auf jeden Fall könnte das wahre Leben, das mit der Fülle und dem Weg und der Wahrheit immer nach Ewigkeit schmecken.
Wenn es aber nichtmal nach Hoffnung schmeckt, ist irgendwo ein Fehler im System, denn Hoffnung schließt keine trüben Zeiten aus.

Irgendjemand lacht hell. Ich war schon im Begriff zu gehen, da drehe ich mich um und sehe, wie noch jemand auf die Wippe zurennt und hochklettert, genau in der Mitte. Die Person wird immer größer und ich erkenne sie, wie ich davor erkannt habe, dass ich loslassen und Gewichte abschneiden darf.
Es ist meine gute Freundin, die Dankbarkeit.