Wo die Geschichte beginnt

„Jeder möge sein eigener Geschichtsschreiber sein, dann wird er sorgfältiger und anspruchsvoller leben.“

-Bertold Brecht-

Der Lockdown durch das Coronavirus war das erste historische Ereignis, das ich wirklich erlebt habe, habe ich gerade gedacht. Ich bin 22 Jahre alt, habe in den Nachrichten viele politische und soziale Krisen mitverfolgt. Aber was habe ich wirklich miterlebt, was hat mich wirklich betroffen?

Ich kann mich noch an die Einführung des Euros erinnern, aber eben nicht an die Mark, als Kindergartenkind ist ein Davor und Danach schwierig zu verstehen. Ich kann mich an die Wahl von Angela Merkel erinnern, aber nicht an die Politik vor ihr. Ich war schon am Leben als das World Trade Center zerstört wurde, aber ich kenne Amerika nur als einen Staat, an dem man stundenlang warten muss, bis man am Flughafen durch die Security darf. Ich kann mich an die Wiederwahl von Obama erinnern und an den Schock als Trump die Wahl gewann. Ich erinnere mich an den Einsturz der Fabrik in Bangladesch und dass ich danach nicht mehr zu H&M wollte und an Edward Snowden. Als ich gerade alt genug war, um zu arbeiten, wurde ein paar Monate später der Mindestlohn eingeführt. Ich erinnere mich daran, wie die ersten Flüchtlingsheime nach Ehrenamtlichen Helfen gesucht haben und die ersten Geschichten, die mir Menschen, die ihn erlebt haben, über den Krieg in Syrien erzählten. Ich erinnere mich nicht mehr daran, welcher der erste Amoklauf war, von dem ich gehört habe, aber ich erinnere mich an die erste Amoklaufübung an meinem Gymnasium. Ich erinnere mich daran, dass Lehrerinnen und Lehrer gesagt heben, dass ein Atomkrieg jeder Zeit ausbrechen kann. Ich erinnere mich an den ersten Protest von Greta Thunberg und die erste Fridays-for-Future Demo in meiner Stadt. Ich erinnere mich an viele Brexit-Diskussionen. Ich erinnere mich an George Floyd.

Meine Lateinlehrerin hat mal einen Satz zu mir gesagt, den ich nie vergessen werde: Ihr seid die erste Generation, die weder Krieg noch politische Einschränkungen erlebt hat. Alles richtig Schlimme ist immer irgendwo anders passiert. Krieg im Osten, Krankheiten in Afrika, Finanzkrisen im Südosten, Amokläufe an anderen Schulen, Naturkatastrophen in exotischen Ländern und den USA. Ich versuchte mir klar zu machen, dass wir nicht im blinden Fleck leben, dass hier auch schreckliche Dinge passieren können und schon passieren. Ob Jugendliche aus Kriegsgebieten auch Panem gelesen haben? Wie muss es sein, wenn man nicht Lesen kann? Als ich dann alt genug war, um meinen Wohnort selbst zu wählen, habe ich doch das sichere Deutschland gewählt. Natürlich, weil meine Familie hier ist, weil meine Wurzeln hier sind. Aber auch ein bisschen, weil meine Freunde aus Hongkong und Ecuador immer so lange um ihr Visum kämpfen müssen und weil man in Mexiko nicht einfach überall abends, als Frau, allein auf die Straße gehen kann.

Ich denke, worauf ich hinaus will ist klar. Ich lebe in einem privilegierten Land, in einer privilegierten Stadt, in einer privilegierten Familie. Ich kann sogar als Frau studieren WAS ICH WILL. Als ich mein Abitur gemacht habe, habe ich gelernt, dass wir selbst dafür verantwortlich sind, welche neuen Ideen und Kämpfe wir mittragen. Wir sind selbst dafür verantwortlich, worüber wir uns informieren und was wir mal an unsere Freunde, Geschwister und Kinder davon weitergeben. Wir sind immer selbst dafür verantwortlich, wie wir über die denken, die weniger privilegiert sind, dafür was wir über sie und ihre Geschichte wissen und dafür, wie wir anderen Menschen begegnen. Jeder Tag ist eine neue Chance. Jeder Tag enthält die Möglichkeit der absoluten Schönheit.

“Let us not wallow in the valley of despair, I say to you today, my friends.

And so even though we face the difficulties of today and tomorrow, I still have a dream. It is a dream deeply rooted in the American dream.

I have a dream that one day this nation will rise up and live out the true meaning of its creed: ‘We hold these truths to be self-evident, that all men are created equal.’”

-Martin Luther King, Jr.-

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