Als ich den Garten fand

Meine Mutter ist Gärterin und Florsitin, solange ich mich erinnern kann waren unsere Wohnungen von Pflanzen bevölkert. Es gab kleine, hübsche Orchideen, Kakteen, Sukkulenten, große exotische Palmen und Olivenbäume. Wir hatten nur selten heimische Pflanzen bei uns, weil es meiner Mutter besonders die südländischen Gewächse angetan hatten. Fast jedes Wochenende nahm sie uns mit nach draußen, in den Wald, in eine Baumschule oder irgendein anderes Grün. Als ich älter wurde fand ich meine eigenen Vorlieben. Wildblumen hatten meiner Meinung nach den ehrlicheren Charakter. Nelken und Ranunkel wählte ich in meinem Herzen zu den schönsten Schnittblumen.

Mein Opa, ein lustiger, einfacher Mann, hat einen Schrebergarten. Da meine Eltern geschieden sind und mein Vater in einer anderen Stadt wohnt, waren wir immer seltener dort, je älter ich wurde. Mein Opa hat nicht oft über seinen Garten gesprochen. Jeden Sommer gab es dort Familienfeste, von denen ich sehr hoffe, dass sie diesen Sommer wieder möglich sind. Ich erinnere mich am besten an die Pflaumen und Kirchen, die es dort gibt. Und daran, wie groß die Tomaten und Gurken sind, die er anbaut. Erst in den letzten Jahren, nachdem mein Opa einen Schlaganfall hatte, habe ich verstanden, wie viel Zeit und Liebe er in dieses Stück Land steckt. In seinem Alter hätten die Meisten seine gesundheiche Situation viel schelchter verarbeitet. Er ging aber, sobald es ihm, als er aus dem Krankenhaus kam, erlaubt war, wieder in seinen Garten und hielt sich auf Trab. Ab Juni war seine spanische Haut tief gebräunt und sein Garten erblühte in den herrlichsten Farben.

Meine Oma hat den schönsten Zaubergarten, den ich kenne. Als Kinder haben wir uns zwischen den ausladenden Büschen und Blüten versteckt, uns Kronen aus Gänseblümchen gemacht und Elfen gespielt. Sie ist eine romantische Frau, die mich gelehrt hat, die Ästhetik des Gartens und des häuslichen zu lieben.

Tief in meiner Erinnerung ist noch ein anderer Schrebergarten vergraben. Es ist der Garten meines Uropas. Er hieß Wilhelm und hatte einen Garten, zu dem man zu Fuß von seiner Wohnung aus laufen konnte. Er war ein strenger Mann und es war ein strenger Garten, versteckt hinter einem kleinen Waldstück. Am Eindrücklichsten erinnere ich mich an seine Beerensträucher und wie dort Johannisbeeren zu meinen Lieblingsfrüchten wurden. Nur bei ihm gab es die weißen und schwarzen Sorten, die ich vorher nie im Supermarkt gesehen habe.

All diese Erinnerungen habe ich in meinem Herzen aufbewahrt, ohne mir ihrer bewusst zu sein. Als ich letzten Sommer geheiratet habe und mir wirklich vorzustellen begann, was ich mir für meine Familie wünsche, ist mir all das Stück für Stück wieder eingefallen. Als Teenager habe ich lange kein Interesse an Pflanzen gehabt und auch später dachte ich, dass ich kein Talent für das Gärtnern habe. „Du hast einfach keinen grünen Daumen“ habe ich mir gesagt, als die nächste Zimmerpflanze in meiner WG starb. Wir hatten dort nur einen sehr kleinen Balkon, in dem ich es im zweiten Jahr schaffte, einige hübsche Blumen und eine Tomate aufzuziehen. Außerdem eine Gurkenpflanze im Balkonkasten. In der neuen Wohnung mit meinem Mann gibt es viel mehr Platz, einen großen Balkon und sogar einen kleinen Garten für das ganze Haus. Letzten Herbst bin ich dann auf die Unigärten gestoßen. Dort gibt es das Angebot, dass alle Studierenden, die Interesse haben, ein Beet bestellen, ohne dafür bezahlen zu müssen. Bei mir kam alles zusammen. Ich wollte schon lange einen besseren Weg finden, ökologisch an Gemüse und Obst zu kommen. Im Supermarkt ist die Versuchung für mich immer groß, einfach zu kaufen, was in der Auslage ist. Aber wenn ich es selbst anpflanzen würde …

Den Winter über ist die Begeisterung in mir gewachsen. Ich fand Blogs wie @tidyniceandneat von Franzi, @hauptstadtgarten von Caro oder @krautkopf. Dafür bin ich jetzt besonders dankbar. Bevor ich solche Blogs gelesen und mich wirklich damit befasst habe, dachte ich zum Gärtnern müsste man das bestimmte Talent haben und vor allem einen großen Garten. Aber als ich im Februar die ersten Samen in Aussaatschalen ausgesät habe, hat sich etwas in mir bewegt. Ich mache nicht, dass die Pflanze wächst. Die Pflanze macht das selbst, das ist Leben, dem ich Platz in meinem Wohnzimmer auf der Fensterbank gebe.

Als Anfang März der Shutdown kam und ich wegen der Coronabeschränkungen kaum noch raus durfte, habe ich mich um Setzlinge gekümmert und Stunden damit zugebracht, zu vereinzeln, Erde in kleine Töpfchen zu füllen und neu auszusäen. Die Radieschen sind besonders nett zu mir gewesen. Ich habe sie schon ab März in Bauschuttkisten auf dem Balkon gezogen und ein paar Woche später die ersten geerntet. Wie konnte so etwas Schönes entstehen während auf der Welt so viel schlimmes geschah? Ich glaube an Gott und habe ihm in diesen Wochen besonders viele Fragen über Leben und Tod gestellt.

Als mein erstes Pflänzchen vertrocknet ist, weil es zu lange in der Sonne stand, tat das weh. Aber je öfter das passiert ist und je mehr Pflanzen ich erfolgreich an der Uni in das Beet gesetzt habe, desto stärker wurde meine Überzeugung, dass ich gerade ein Geheimnis entdeckte.

Während der vielen Wochen, die ich vorwiegend Zuhause verbracht habe, war ich natürlich froh über meinen Balkon und den kleinen Garten am Haus, in dem meine Nachbarin Blumen gepflanzt hat. Es war aber vor allem die Arbeit im Freien und mit dem Grün zwischen meinen Fingern, die mir geholfen haben. Ich bin eine eher ruhige Person und brauche immer wieder meine Auszeit vom Trubel der Welt. Darum lese ich viel und schreibe viel, aber gegen die erdrückende Stille, die Corona mit sich brachte, hat das nicht geholfen. In meinem Kopf liefen gerade in den ersten Tagen des Shutdowns alle Rechner auf Hochtouren. Die jungen Karottenpflänzchen dagegen blieben von allem Trubel und jeder Panik ungerührt.

„Wenn Gott sogar das Gras so schön wachsen lässt, das heute auf der Wiese grünt, morgen aber schon verbrannt wird, wie konnte er euch dann vergessen?“ (Matthäus 6.30)

Die Pflanzen schenken mir Ruhe und gleichzeitig eine Beschäftigung. Durch sie sehe ich, dass immer alles weitergeht und wir, die Menschen, nicht das endgültige Maß der Dinge sind. Aber das wichtigste ist, wie auch bei Büchern: Pflanzen lieben jeden, der sich um sie kümmert.

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