Ein Mädchen sitzt im Büro, und die Atmosphäre, die sie mitbringt, ist so drückend, dass man sie hätte zerschneiden können. Sie sitzt auf dem Besucherstuhl. Ihr junges, schmales Gesicht ist eins von denen, auf denen das Lächeln sich nur auf der Oberfläche kräuselt, aber als ich sie anschaue nehme ich nochmal wahr, wie hübsch sie ist. Ihre mandelförmigen Augen blicken unruhig und kalt im Raum umher, jedes Blinzeln ist wie ein Schuss auf ihr Gegenüber. Die Munition besteht aus kugelförmiger Intensität, mal scharfe Aufmerksamkeit, mal Empörung, mal Dramatik. Aber jetzt sind es Schmerz und Wut.

Sie rührt mich, und ich würde ihr in all ihrer Anspannung gerne eine Freundin sein, was natürlich vollkommen utopisch ist, da sie nur ein Mädchen ist, was zufällig in dem Büro meiner Chefin sitzt, während ich auch nur ein Mädchen bin, was zufällig hier sitzt. Als sie ihren Pullover über den rechten Arm herunterzieht, sieht man schwarze Prellungen, die ihre Erzählungen noch dunkler färben. „Ich wollte halt die Beine nicht breit machen, mir solls doch auch bisschen Spaß machen. Aber jetzt bin ich durch mit ihm.“. Das andere Mädchen mit den dunkleren Haaren und dem neckischeren Augenaufschlag war williger gewesen, hatte ihn mehr als nett angelächelt. Die Nacktbilder, die sie ihm geschickt hatte, hatten am Tag danach auch alle anderen schon gehabt. „Wie eine Hure“. Alles offengelegt, alles verletzlich, alles so, so dumm.

Und hier sitzt die Andere, Betrogene, mit der Stimme, die klingt, wie raues, zerbrochenes Glas. Ich hätte nur die Hand ausstrecken müssen, um sie zu berühren, eine Brücke mit meinem Arm zu bauen, um die tröstenden Worte schneller zu ihr herüberzuschicken. Was hat dich so geblendet, hätte ich am liebsten gefragt. Aber eigentlich weiß ich, wie schnell man sich blenden lässt und auf einmal regungslos stehen bleibt, auf der Straße, die man überquert hat, ohne zu wissen, dass es eine tödliche ist, festgefroren im Scheinwerferlicht. Sie sitzt starr auf ihrem Stuhl und die Fingerknöchel zeichnen sich weiß unter ihrer Haut ab, als sie sich an die Tischkante klammert. „Ich habe angefangen ihn zu schlagen. Und dann hat er zurückgeschlagen.“

Diese Geschichten zu hören ist mir inzwischen nicht mehr fremd. Und es ist so seltsam, dass sie so alltäglich sind, dass ich selbst die Schockstarre verliere, in der ich früher verharrt hätte. Aber ich rede weiter mit dem Mädchen, als wären das alles Dinge die passieren, die furchtbar sind, aber die eben passieren. Ich werde nie aufhören ihnen allen zu sagen, wer sie sind, aber ich werde immer gelassener während ich das tue.

Sie verabschiedet sich und lacht, und ich weiß, dass dieses Lachen bedeutet, dass das Leben für sie gerade okay ist.

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